• vom 21.12.2012, 16:30 Uhr

Wien

Update: 21.12.2012, 18:41 Uhr

Weltuntergang

Wien, Weihnachtsbaum und Weltuntergang




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Von Gregor Kucera

  • Wien-Blog:

Sind Menschen, die am 21. Dezember einen Weihnachtsbaum kaufen, unverbesserliche Optimisten, absolute Vollidioten, fatalistische Defätisten, An-Wunder-Glaubende, Hoffnungsvolle oder einfach nur ganz normale Wiener?

Ich habe heute einen Baum gekauft, so wie viele andere Wiener und Wienerinnen auch. In der ganzen Stadt bin ich herumgeirrt und habe einen Baum gesucht. Und dann auch mal ein Anzeichen für einen Weltuntergang. Den Baum habe ich gefunden, den Rest nicht. Gar nicht. Keine Wahnsinnigen, keine Propheten oder verirrte Verwirrte, die nach Hilfe suchten. Zumindest nicht mehr als an jedem normalen Tag.


Die Auserwählten
Ein kleines französisches Dorf, das angeblich ja die Apokalypse überleben wird, wird von Weltuntergangstouristen heimgesucht. Darunter auch ein paar Wiener. Ersten Meldungen zufolge soll ein Koch seinen Arbeitsplatz mit den Worten "Er müsse jetzt nach Frankreich" verlassen haben und wurde nun entlassen. Geht die Welt unter, wird es ihm egal sein. Er wird lachen und sich freuen. Sollte sie nicht untergehen, dann wird er ja vielleicht in Frankreich ein Restaurant eröffnen. Wer weiß.

In China und Japan sollen Hightech-Gebilde, von unzerstörbaren Kugeln, die über die Magmaströme zu anderen Gefilden reisen sollen, bis hin zu Atombunker der Spitzenklasse. Interessant ist eigentlich, dass  es Menschen gibt, die glauben, dass die Welt untergehen wird. Aber dennoch glauben, dass danach noch etwas sein wird. Allem Anschein nach glauben viele Menschen auch, dass sie die Auserwählten seien, die gerettet würden, überleben und dann einen vollkommenen neuen Menschenstamm miterschaffen dürfen.

In Wien dauert es einfach länger
Geht es nach mir, hoffe ich, dass die Menschen, die heute in der U-Bahn mit mir unterwegs waren, weder auserwählt noch zum neuen Genpool des neuen Menschenstammes zählen werden. Aber Wien ist eben anders. Besonders. Manchmal auch einfach besonders langsam und träge.

In Zeiten des Weltuntergangs ist dies sehr vorteilhaft. Wenn man mit dieser besonderen Mischung aus Fatalismus, Desinteresse, dem Wiener Schmäh und dem Wissen, dass man ohnehin besser ist als der Rest der Welt vor sich hin suddert, kann ein kleiner Weltuntergang eigentlich nicht viel verändern.

Wahrscheinlich würden die Wienerinnen und Wiener nur über die Wartezeiten der U-Bahn suddern, auch wenn die Gleise schon lange geschmolzen sind. Irgendwo in der apokalyptischen Magmasuppe schwimmt sicherlich Hundekot des gehassten Nachbarhundes - mittlerweile elend zugrunde gegangen - über den man sich beschweren kann. Und erst diese Meteoriteneinschläge, so laut, so lästig. Da gibt es dann wieder mal keinen Parkplatz vor der Haustür. Wiewohl, ob das Eigenheim noch steht, ist eh noch nicht klar. Der unfreundliche Wirt, der soll verbrennen, der laute Nachbar unter mir in eine Feuergrotte stürzen. Der Parksherriff mitsamt seinen Strafzetteln in der apokalyptischen Endzeit verglühen. Die weinseligen Besoffenen in Grinzing folgen den kleingeistigen Rechten in den Untergang.

Die Stadt, die bleibt
Und dann, dann denke ich nach. An den Wienerwald, die Donau, die Lebensqualität, das Trinkwasser, die vielen netten Menschen, die wunderbare Dinge tun, die anderen helfen, die nicht wegschauen, die sich unterstützen, die ein Glaserl Wein oder einen Kaffee trinken, obwohl der Kellner so wunderbar unfreudnlcih ist, dass man sich manchmal wundert, dass Starbucks nicht viel früher das ganze Geschäft an sich gerissen hat.

Ach, ja, gerade jetzt, wo die ganze Welt weiß, dass Wien die Stadt mit der höchsten Lebensqualität ist, soll sie untergehen. Das geht doch auch wieder nicht. Nein, das will ich nicht. Ganz entschieden nicht. Also wenn die Apokalypse kommt, dann nimm Wien nicht mit. Lass es einfach stehen. Dafür werden wir alle 2013 weniger suddern, wir werden offener, herzlicher, verständnisvoller. Wir werden uns mehr um die Armen und die Außenseiter kümmern. Es ist mir sogar egal, wenn die Austria Meister wird. Hauptsache es geht weiter.

Sollten dies die letzten Zeilen sein, die sie vor dem Weltuntergang lesen, dann denke Sie doch einmal an was wirklich Schönes in Wien. Sollten Ihnen weniger als fünf Dinge einfallen, dann, ja was dann eigentlich? Keine Ahnung. Dann ist es eh besser, dass Wien untergegangen ist. Aber keine Sorge, es werden Ihnen sicherlich mehr Gründe einfallen, warum es in Wien auch im postapokalyptischen Zeitalter am schönsten ist.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-12-21 12:24:13
Letzte ńnderung am 2012-12-21 18:41:07





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