
Wien. Fahrradbotin Therese schlängelt sich auf ihrem blitzblauen Rennrad an Autokolonnen vorbei, geht in marmorverfliesten Bürogebäuden ein und aus und fährt mit vollem Karacho über den Karlsplatz. "Rote Ampeln zu überfahren gehört zum Job", sagt die 24-Jährige selbstbewusst. Für den Fahrradbotendienst Hermes - nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Paketdienst - arbeiten rund zwanzig Boten, viele in ihren 20ern, andere sind über 40 Jahre alt. Und zur Hälfte sind es Frauen, die in die Pedale treten - das ist unüblich in der männerdominierten Branche.
Kein Chef, Frauenquoten, faire Arbeitsbedingungen
Hermes beschäftigt seit der Gründung 1993 ebenso viele Frauen wie Männer, denn "in einem gemischten Team arbeitet es sich angenehmer", erklärt Radkurier Pavo, der seit 13 Jahren für Hermes radelt. Frauen seien bevorzugt aufgenommen worden, "auch wenn sie auf den ersten Blick nicht die gleichen Qualifikationen hatten". Positive Diskriminierung? Die Qualifikationsanforderungen sind ohnehin nicht allzu groß: Für den Job müsse man zuverlässig sein und Karten lesen können - der Rest komme mit der Routine, nach der Eingewöhnung seien Frauen und Männer gleich auf. Therese - selbst eine "Quotenfrau" - sagt: Obwohl die körperlichen Voraussetzungen bei Männern und Frauen oft unterschiedlich seien, "der Kurierdienst ist kein Leistungssport".
Die Hermes-Zentrale liegt in der Zirkusgasse im zweiten Bezirk, zwischen zerschlissenen Ledersofas und mit Stickern übersäten Wänden sitzt der Disponent und koordiniert die Aufträge. Er ist in ständigem Kontakt mit den Boten, das Handy hat das Funkgerät längst abgelöst. Zur Grundausrüstung gehören überdies Umhängetaschen, in denen versiegelte Liebesbriefe, vergessene Jausenbrote und verlorene Zahngebisse transportiert werden. Während Geschichten von abgetrennten Fingern und toten Tieren die Runde machen, hat auch der ganz normale Alltag Skurriles zu bieten: An diesem Vormittag bringt Therese hippen Jungeltern frisch zubereitetes Ayurveda-Essen in eigens dafür abgeholtem Tupper-Geschirr, dann überrascht sie eine Empfangsdame - "Die sind wirklich für mich?" - mit Blumen.
Während Politik-Absolventin Therese nach einem Thema für ihre Doktorarbeit sucht, beliefert sie also Bürgermeister Michael Häupl und Ex-Minister Martin Bartenstein mit Briefchen und sagt: "Es ist schon lustig, wenn man nur als Dienstpersonal wahrgenommen wird." Ursprünglich hat sie bei Hermes angeheuert, um "schnelles Geld" für ihre Venezuela-Reise zu verdienen. Doch auch fünf Jahre später radelt sie an vier Tagen pro Woche durch Wien - "aus Mangel an Perspektiven" - und weil es Spaß macht.