
Wien. An den Auslagen vorbei, in denen sich Klingeln, Kotflügel, Speichen und Lampen türmen, hetzt ein Kunde kurz vor Geschäftsschluss in die Fahrradwerkstatt in der Degengasse in Wien-Ottakring. Nach Betreten des Betriebes ist er mittendrin, im jahrzehntelang gehorteten Sammelsurium an Zweiradersatzteilen. Mitunter schwer zu entdecken ist darin der Besitzer und Urheber all dessen: Wolfgang Brunner, der in seinem blauen Arbeitsmantel zwar unscheinbar wirkt, sich aber dennoch von allen anderen Werkstattbetreibern Österreichs abhebt. Ist er doch der letzte amtierende Fahrradmechanikermeister - der Lehrberuf wurde 1970 abgeschafft.
Soeben schiebt er ein Fahrrad aus einem der hinteren Räume. "Jetzt ist wieder eins weniger, jetzt kann man sich mehr rühren", sagt er fast schon entschuldigend zu seinem Kunden, der die Rechnung für das Frühjahrsservice bezahlt, den Helm aufsetzt und sich aus dem Geschäft zwängt. "Bis zum nächsten Mal, Herr Brunner", sagt er.
Den 69-Jährigen kennt fast jeder der Kunden beim Namen. Betreibt er doch seit 37 Jahren das Eckgeschäft mit der dunkelgrauen Fassade und der blau-gelben Eingangstür. Damals, 1975, als er es eröffnete, gab es den Lehrberuf des Fahrradmechanikers schon nicht mehr. Genauso wie jener des Hufschmieds wurde er aufgrund der voranschreitenden Motorisierung eingestellt.

Hufschmied-Lehrling kann man seit 2010 wieder werden - dass auch der Lehrberuf des Fahrradmechanikers erneut eingeführt wird, fordern die Grünen seit langem. Auch die Bundesinnungsgruppe Metall-Elektro-Sanitär-Kfz setzt sich dafür ein und hat laut Geschäftsführer Christian Atzmüller bereits einen Vorschlag für den neuen, dreijährigen Lehrberuf des Fahrradtechnikers eingebracht. Die Bezeichnung "Techniker" verdeutliche den Unterschied zu früher: Anders als vor 40 Jahren, als Rahmen aus Stahl und Mehrgangräder Luxus waren, seien die heutigen Räder Hightech-Geräte mit Hydraulik, Pneumatik und Elektronik.
"Auf die richtige Wartung und Pflege kommt es an"
Obwohl der Lehrberuf vor kurzem in Deutschland und der Schweiz wieder eingeführt wurde, lehnen ihn Gewerkschaft und Arbeiterkammer ab: Junge Leute würden "zu einem minderwertigen Beruf verdammt", heißt es.
Brunner kann das nicht nachvollziehen. In seinen Augen ist nur jemand, der die Grundkenntnisse von der Pike auf gelernt hat, zu hochtechnischen Reparaturen fähig - er selbst beschränkt sich allerdings lieber auf die basalen Arbeiten. Das zehn Jahre alte Fahrrad jener Kundin, die soeben die Werkstatt betritt, um es abzuholen, hat daher wenig Hightech-Firlefanz. "Es musste geschmiert werden, damit es wieder besser läuft", sagt Brunner, während er der sportlichen Mittvierzigerin das Rad zuschiebt und sich mit seinen öligen Fingern den Hut richtet. Auf die richtige Wartung und Pflege komme es an, damit ein Fahrrad lange straßentauglich ist, trichtert er seiner Kundin ein - er selbst könne fast jede "fahrbare Leich im Keller" retten.
"Qualität hat aber ihren Preis", meint Brunner, der sich selbst nicht als den billigsten Mechaniker bezeichnet, und kassiert. "Sollten Sie nicht schon längst in Pension sein?", fragt die Kundin zum Abschied. "Ja, schon. Aber zwei Jahre brauch ich noch, allein zum Aufräumen", antwortet der Gefragte und betrachtet eingehend die Schläuche, Felgen und Speichen an den Wänden, unter die sich Pedale und Gepäckträger mischen.
Als Klimabündnisbetrieb im Öko-Businessplan prämiert
Einen Interessenten für das Geschäft gebe es schon, Kinder und somit mögliche Nachfolger hat Brunner, der seit Jahren geschieden ist, keine. Als er selbst noch ein Kind war, wollte er Elektriker werden - dafür war sein Zeugnis allerdings zu schlecht. Die Lehrstelle für den Fahrradmechaniker war zufällig frei. Und Brunner konnte nicht einmal Rad fahren.
Eine Woche vor Beginn seiner Lehre 1956 lernte er es dann doch. Sein erstes, selbst gebautes Fahrrad - ein Tourenrad mit rosa "Falcone"-Rennrahmen - hat er bis heute. In die Arbeit geht der Ottakringer aber immer zu Fuß, Umweltschutz ist ihm ein Anliegen: 2002 wurde seine Werkstatt im Öko-Businessplan-Wien als Klimabündnisbetrieb prämiert.
Auto und Puch-Roller fährt Brunner dennoch, die stehen aber zu Hause. Dorthin bricht der Fahrradmechaniker nun auf, der Geschäftsschluss ist längst überschritten. Bedächtig - mit der Routine von Jahrzehnten - verlässt er die Werkstatt, schließt die Eingangstür ab und zieht die scheppernden Rollläden zu.