
Salzburg. Den inoffiziellen Titel der österreichischen Radhauptstadt hat Salzburg im Vorjahr an Graz verloren. Angesichts einiger Fakten darf sich Salzburg dennoch als heimliche Radhauptstadt Österreichs fühlen. So ist etwa das Radwegenetz mit 180 Kilometern hinter Wien das zweitlängste in Österreich, noch deutlich vor den von Fläche und Einwohnerzahl größeren Landeshauptstädten Linz (141 Kilometer) und Graz (120 Kilometer). Zudem wird den Salzburger Radlern mit sechs öffentlichen über die Stadt verteilten Service-Stationen bei kleineren Reparaturen unter die Arme gegriffen wie nirgendwo sonst in Österreich.
Die Radfahrbegeisterung macht auch vor dem Bürgermeister nicht Halt: Heinz Schaden (SPÖ) ist nicht nur in der Freizeit ein leidenschaftlicher Radfahrer, bisweilen legt er auch Amtswege im Fahrradsattel zurück. Der Radverkehrsanteil liegt bei 15 bis 20 Prozent - für Österreich ist das ein Spitzenwert. Und das, obwohl Salzburg bei einer anderen Kategorie ebenfalls einen Spitzenwert hat. Mit durchschnittlich 141 Tagen mit Niederschlag im Jahr ist Salzburg gemeinsam mit Bregenz Österreichs feuchteste Landeshauptstadt.

Angesichts dessen überrascht Salzburgs hohe Radaffinität. Zumal der Stadt der Ruf einer konservativen Tourismushochburg vorauseilt. Das ist nicht gerade die optimale Umgebung für ein tendenziell junges, trendiges Fortbewegungsmittel wie das Fahrrad. Doch es gibt gute Gründe für die Neigung der Salzburger zum Radfahren.
Da ist einerseits die topografische Lage im Salzburger Becken. Abgesehen von den Stadtbergen im Zentrum, die sich leicht umfahren lassen, gibt es auf dem Stadtgebiet keine nennenswerten Erhebungen. Zudem durchzieht die Stadt von Norden nach Süden an den Ufern der Salzach quasi eine Fahrrad-Autobahn - ohne Kreuzungen, Ampeln und Kontakt mit dem übrigen Verkehr.
Eine solche Verbindung können die öffentlichen Verkehrsmittel nicht bieten. Es ist nicht der einzige Punkt, bei dem der öffentliche Verkehr als Verkehrsmittel mit dem Fahrrad nicht mithalten kann. Die Wiederbelebung der im Zweiten Weltkrieg aufgelassenen Straßenbahn wird seit Jahrzehnten gleichermaßen regelmäßig wie ergebnislos andiskutiert. Die Oberleitungsbusse können nur auf den Hauptverkehrsrouten mit dem Individualverkehr mithalten, der seinerseits unter der erhöhten Stau-Neigung der Stadt leidet.
Gerade in den Sommermonaten scheitern die Verkehrsplaner regelmäßig an der Mischung aus Pendler-, Einkaufs- und Touristenverkehr. Im kommenden Sommer will es die Stadtregierung mit einer temporären Totalsperre der Innenstadt versuchen - von der neben den Anrainern auch der öffentliche Verkehr und die Radfahrer ausgenommen sind.
Unter diesen Vorzeichen steigen viele Salzburger vom Bürgermeister abwärts auch an den zahlreichen Regentagen mehr oder weniger notgedrungen auf das Fahrrad.