• vom 28.02.2017, 20:29 Uhr

Wien

Update: 01.03.2017, 15:42 Uhr

Essenszustellung

Heute bleibt die Küche kalt




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Von Matthias G. Bernold

  • Immer mehr Menschen schmausen, was ihnen Fahrrad-Kuriere nach Hause liefern. Es ist nicht egal, wer das Essen bringt.


© Foto: Clara Porak © Foto: Clara Porak

Wien. Seit ein paar Jahren gehören sie auch in Wien zum Straßenbild: Essenszusteller auf Lastenrädern oder mit bunten Kisten auf dem Rücken, in denen sich Kartons und Plastikbehältnisse mit mehr oder weniger köstlichen Nahrungsmitteln befinden. Im blühenden, aber hart umkämpften Geschäft der Essenszusteller sind ganz unterschiedliche Unternehmen tätig, die auch ganz unterschiedliche Zielgruppen bedienen. Vielfältig sind auch die Arbeitsbedingungen der kulinarischen Kuriere. Ein Überblick.

Foodora

Seit Juni 2015 mischt das deutsche Unternehmen Foodora auch in Wien den Markt für Essenszustellungen auf. Rund 400 Zusteller mit den charakteristischen rosa Transportkisten sind derzeit in Wien unterwegs. Foodora gehört heute zur deutschen Delivery Hero Holding GmbH, einem der großen Player auf dem internationalen Hauszustellungs-Markt, dem auch Dienste wie Lieferheld und pizza.de gehören. Erfolgsrezept des Unternehmens ist eine eigens entwickelte Disponenten-Software, die Bestellungen aufnimmt, um sie automatisch an die Restaurants und die verfügbaren Fahrer via Handy-App weiterzuleiten. Während Foodora dafür gelobt wird, die Möglichkeiten einer Fahrrad-basierten Logistik auszuloten, gibt es Kritik an den Arbeitsbedingungen. Die Bezahlung der rund 400 Dienstnehmer setzt sich aus niedrigen Stundensätzen plus Auftragsprämie zusammen und kann deshalb - je nach Auftragslage - sehr unterschiedlich ausfallen. Dazu müssen die Kuriere eigene Betriebsmittel - privates Fahrrad und Smartphone - verwenden.

Ubereats

Der Spross des international tätigen Taxi-Konkurrenten ist seit diesem Jahr auch in Wien aktiv. Wie Foodora müssen auch die Ubereats-"Partner" ihre eigenen Fahrzeuge und Handys einsetzen. Die Bindung zwischen Mitarbeiter und Unternehmen ist lose, die Rechtsnatur des Dienstverhältnisses in einem rechtlichen Graubereich angesiedelt. Arbeitsrechtler gehen davon aus, dass sich Gerichte früher oder später mit der Frage befassen werden, ob es sich bloß um unterdotierte Werkverträge handelt, oder vielleicht um Scheinselbständigkeit, die die Zusteller in prekäre Arbeitsverhältnisse ohne Sozialversicherung zwingt.

Essen auf Rädern

Ein Pionier der österreichischen Essenszustellung ist der Service "Essen auf Rädern" des österreichischen Arbeitersamariterbundes (Asbö). Zumeist kommen die Menüs für die insgesamt 1500 Personen in Wien mithilfe von Autos oder Klein-Lkw, aber seit vergangenem Jahr werden die Menüs auch mit dem Lastenrad zugestellt. Neun Lasten-E-Trikes hat der Asbö angekauft, nach einer Testphase am Stützpunkt Brigittenau sollen heuer im Frühling auch die restlichen Räder im Einsatz sein.

Michl’s bringt’s

In einem spartanisch eingerichteten, ebenerdigen Büro direkt an der Erdberger Lände befindet sich die Zentrale von "Michl’s bringt’s". Anders als die profit-orientierten Zustelldienste ist Michl’s bringt’s ein Projekt der gemeinnützigen Wien-Work integrative Betriebe und AusbildungsgmbH. Seine primäre Aufgabe besteht darin, Langzeitarbeitslosen dabei zu helfen, wieder im Erwerbsleben Fuß zu fassen. "Wir sind irgendwo zwischen Zustelldienst, Psychotherapie und Sozialarbeit angesiedelt", erklärt Berndt Zantler, der die Einrichtung seit 2016 leitet. In Ermangelung eines hochentwickelten IT-Systems ist er auch Drehscheibe aller Aufträge, die in der Regel telefonisch eingehen.

Zwölf Zusteller führen die Lieferungen der verschiedenen Geschäfte und Lokale aus. Ein Hauptkunde und Förderer von Michl’s bringt’s ist die Supermarktkette Spar, mit der seit einigen Jahren eine enge Kooperation besteht. Kunden in einigen Wiener Filialen haben die Möglichkeiten, sich ihre Einkäufe mit dem Fahrrad nach Hause bringen zu lassen.

Das Jahresbudget von rund 200.000 Euro wird zu 60 Prozent vom AMS aufgestellt, der Rest muss selbst erwirtschaftet werden. Die Gehälter der Mitarbeiter bewegen sich ziemlich genau in der Höhe des Arbeitslosengeldes, erklärt Zantler. Allerdings ist die Dauer der Anstellung mit sechs Monaten befristet und kann nur einmal um drei Monate verlängert werden. "Das ist für viele, denen diese Arbeit großen Spaß macht, eine Enttäuschung", sagt Zantler: "Oft werden sie gerade dann, wenn sie eingearbeitet sind und gebraucht werden, schon wieder ausgetauscht."

Rita bringt’s

Rita Huber, Gründerin von "Rita bringt’s" (siehe nebenstehendes Interview), ist mit ihrem Unternehmen bereits seit drei Jahren im Geschäft. In dieser Zeit ist das Catering-Service, das biologisches Essen zubereitet und mittels Lastenrad zustellt, stark gewachsen. Heute arbeitet bereits ein knappes Dutzend Menschen in Küche, Verwaltung und Vertrieb. Inzwischen hat Huber am Vorgartenmarkt auch ein eigenes Lokal eingerichtet. Die Fahrradzusteller sind Teilzeitangestellte.

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Dokument erstellt am 2017-02-28 17:14:05
Letzte nderung am 2017-03-01 15:42:42



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