
Wien. Wenn es heiß wird in der Stadt, haben kühle Orte Hochkonjunktur. Deshalb sind sie auch schnell voll. Das Straßenbahnerbad an den Gestaden der Alten Donau zählt zu jenen seltenen Oasen, die noch Reserven haben. Nicht nur das Bad muss so gut wie nie die blaue Fahne aushängen, auch die daran angeschlossene Restauration, die auch und gerade Nicht-Badenden offen steht, hat selten überhaupt kein Plätzchen mehr frei.
Das Örtchen ist so gut versteckt, dass noch nicht einmal die Miniermotten über die Kastanien hergefallen sind, deren Schatten gemeinsam mit dem wassergekühlten Wind, der von der Alten Donau her die besten Plätze des Selbstbedienungs-Restaurants Straßenbahnerbad anweht, für ein einzigartiges Mikroklima sorgt. Neben mittelleichten Klassikern der Wiener Sommerküche wie Puten-Cordon bleu oder Cevapcici mit Pommes gibt die aufmerksame Crew auch Starobrno-Bier aus, das jedenfalls ein hervorragendes Kühlmittel ist.
Die Sehnsucht nach dem Straßenbahnerbad könnte einen in Zeiten der Hitze immer überkommen, also ist es fast egal, wo wir anfangen. Wir beginnen die Spritztour vom Wiener Hilton aus. Das erste Zwischen-Ziel ist in diesem wie auch in den meisten anderen Fällen die Reichsbrücke. Wenn man von Osten her radelt, wäre es freilich sinnvoller, die Praterbrücke anzufahren. Wir bewegen uns also die Hintere Zollamtsstraße entlang in Richtung Donaukanal, schwenken knapp davor nach rechts, lassen uns vom Kopfpflaster durchschütteln, fahren linker Hand in die Radetzkystraße ein und streben dem Praterstern zu. Die Radwege sind alle eng und an schönen Tagen stark befahren, gelegentlich biegt auch ein Auto scharf rechts ab, ohne mit Radfahrern zu rechnen. (Im angeschlossenen Silent Movie ist so eine gefährliche Unfreundlichkeit dokumentiert.)
Auf der Lasallestraße wird die Radspur weiter, auf der Reichsbrücke ist sie vergleichsweise großzügig, und die Donauinsel, wo weite Asphaltbänder die sorgfältig zurückgestutzte Natur im Zaum halten, ist wegen der schieren Entfernungen ohnehin wie gemacht für Radfahrer. Anschließend noch ein Stück auf dem Damm entlang fahren, über eine kleine Brücke die "Donauuferautobahn" genannte Schlucht überqueren, in der sechsspurig die Autos brausen, und schon ist man im Dampfschiffhaufen, wo Kleingärten stehen und diverse Erholungs-Etablissements von Firmen und Institutionen ihren Angestellten ein wenig Erholung offerieren, zweifellos ein Straßenbild aus sozialpolitisch glücklicheren Tagen.
Auch die Wiener Straßenbahner führen ein Bad. Es steht jedem offen, man muss aber auf dieses Angebot nicht eingehen. Wer einfach durchgeht, der kommt ins Restaurant. Und mit ein wenig Glück erhascht man einen der begehrten Schattenplätze ganz vorne und sitzt dann, wenn man die rosa Brille aufsetzt, sozusagen direkt am Meer.