Neulich in einem dieser trendigen Lokale, die ja heute ohne Wok und Koriander kein Auslangen mehr finden, steht da doch glatt "Nepalesischer Gemüsecurry" auf der Karte. Voller Neugier ordern wir dieses Gericht und staunen nicht schlecht, als es zwar gut aber völlig unerwartet nach tropischem Lemongras schmeckt - also unverkennbar nach Südostasien, ein gewaltiges Stück von den mächtigen Bergen des Himalayas entfernt.
Wenn schon moderne Küchenchefs die Geographie ein klein wenig durcheinander bringen, sollen wenigstens Sie als Konsument wissen, wann man Ihnen einen Apfel für ein Ei verkaufen möchte. Also: Das Nationalgericht Nepals ist Dal Bhaat - eine Art Linsensuppe (Dal), die über gekochten Reis (bhaat) gegossen und mit verschiedenen Gemüsecurrys in winzigen Schälchen serviert wird. Diese Currys schmecken allerdings mitnichten nach Lemongras sondern nach Gewürzen, die dem rauen Klima hier näher sind, wie etwa Ingwer, Knoblauch, Koriander, Chili, Senföl oder Kreuzkümmel. Das gilt für alle nepalesischen Gerichte, die sich im Detail aber nochmals regional unterscheiden, im warmen, indisch beeinflussten Süden werden andere Kräuter kultiviert als im kühlen, tibetisch verbundenen Norden. Fleisch kommt, wenn überhaupt, im bäuerlichen Alltag nur an Festtagen auf die Teller, lediglich Geflügel steht etwas häufiger am Speiseplan. Neben Linsen und Reis ernähren sich die Nepali hauptsächlich von anspruchslos anzubauendem Gemüse wie Spinat, Kartoffeln oder Karotten. Ein komplettes Dal Bhaat, um wieder zum wichtigsten nepalesischen Gericht zurückzukehren, wird abgerundet mit weiteren Kleinigkeiten wie eingelegtem Obst oder Gemüse (z. B. kleine Limonen) sowie Joghurt- und/oder Minzsauce.

Auf der anderen Seite des Himalayas, oder besser gesagt am tibetischen Hochplateau, das sich im Norden an die höchsten Gipfel anschließt und das sich im Schnitt auf 4500 Meter Seehöhe (!) befindet, ist die Ernährung geprägt vom harschen Klima, das nur wenige Pflanzen gut gedeihen lässt. Als Grundnahrungsmittel dienen robuste Getreidesorten wie Dinkel, Hartweizen, Gerste und Hirse, die zu schmackhaften Teigwaren verarbeitet werden - ergänzt um diverse widerstandsfähige Gemüsesorten, siehe oben, sowie um tierische Produkte von Schafen, Ziegen und Rindern. In Tibet sind das allerdings keine gewöhnlichen Rinder sondern domestizierte Hochlandrinder, besser bekannt unter dem Namen Yak. Sie liefern nicht nur Fleisch; die aus ihrer Milch gewonnene Butter wird zusammen mit Salz in den Tee getan und als Phoe Cha (Buttertee) getrunken - höchst gewöhnungsbedürftig für den europäischen Verdauungstrakt, für die Tibeter jedoch eine wertvolle Protein- und Fettquelle. Um die Mahlzeit zu vervollständigen, rührt der tibetische Nomade traditionellerweise Tsampa, Vollkornmehl aus gerösteter Gerste, in seinen Buttermilchtee und wird damit satt.
