Der rote, circa ein Meter breite, geschlängelte Steg auf leeren Mineralwasserkisten mitten im Haupthof des Museumsquartiers macht neugierig. Er ist ein Zeichen, worum es im zeitgenössischen Kulturareal diesen Sommer geht: Mode. Unter dem Motto "Summer of Fashion" weist Wien vor, was es in Sachen Styling zu bieten hat. Bis September hält der kurvenreiche Freiluft-Laufsteg zwischen dem Mumok und dem Leopold Museum daher als Catwalk her. Während er tagsüber in der brennenden Sonne brachliegt, verwandelt er sich an lauen Sommerabenden in eine Bühne für mehrere Modespektakel. Eingeweiht wurde er bereits durch die jüngsten Hoffnungen der Wiener Modewelt: Bei Sonnenuntergang und sommerlichen Temperaturen ließen es die Jungdesigner des Design-Kollegs Herbststraße so richtig krachen und präsentierten in einer schillernden Show ihre Abschlusskollektionen, die vom eleganten Abendkleid bis zum sportlichen Freizeitlook alle stilistischen Facetten abdeckten.
MODESCHAUEN AM FREILUFT-CAT-WALK
Im August und September sind dann die etablierten Designer am Zug: Die Label Pitour, Artista, Km/a und Aquanauta präsentieren gemeinsam mit den Designern des MQ Points die Trends und Must-Haves für den kommenden Herbst und Winter. "Es wird sehr vielfältig", verspricht Pitour-Designerin Maria Oberfrank, die sonst keine Details preisgeben möchte. Mehr verrät da schon ein weiteres Kaliber der heimischen Modeszene: Susanne Bisovsky, die ihre Kreativität unter anderem schon in die Dienste von J.Ch. de Castelbajac, Helmut Lang und Gössl gestellt hat, zeigt nach sechsjähriger Pause in Wien im Summer of Fashion erstmals wieder ihre berüchtigte "Everlasting Collection". Mit dieser Kollektion setzt die Designerin einen Kontrast zur schnelllebigen Modewelt. Die Stücke werden nicht nach einer Saison bereits wieder ad acta gelegt, sondern kontinuierlich überarbeitet und in einen neuen Kontext gestellt. "Das ist, wenn auch nicht bewusst, nachhaltig gedacht", erläutert Bisovsky. Bei ihrer Modeschau im Rahmen des Summer of Fashion führt sie vor, wie die elegante Wienerin von heute aussehen könnte. Trachtenstücke, die die Designerin dabei immer wieder "kokett und mit einem Augenzwinkern" einsetzt, verleihen der Haute-Couture-Kollektion einen gewissen ländlichen Touch.

WIENER MODEMUFFEL
Den Anstoß für den Summer of Fashion gab Pitour-Designerin Oberfrank. "Ich habe mehrere Jahre an dem Projekt gearbeitet, jetzt wird es umgesetzt", berichtet sie stolz. Die Anspannung ist der dunkelhaarigen Brasilien-Liebhaberin anzusehen. Jetzt hofft sie nur noch, dass das Wetter hält, auch wenn die Veranstalter bei Regen auf Ausweichquartiere zurückgreifen können. Mit dem Event will Oberfrank das Bewusstsein der Österreicher für Mode und heimische Designer wachrütteln. "Die Franzosen und Italiener sind stolz auf ihre eigene Mode und tragen sie auch", führt sie vergleichsweise an. Sie appelliert an österreichische Designer, Überzeugungsarbeit - wenn auch nur im kleinen Umfeld - zu leisten. "Wien hat viel zu bieten, es gibt nicht nur Kleidung von der Stange", sagt sie. Der Summer of Fashion ist nicht Oberfranks erste Initiative zum Vorantreiben der Wiener Modeszene.
Sie initiierte auch die modequartier21-Fashionshows, die Vorläufer zur MQ Vienna Fashion Week, die diesen September zum vierten Mal stattfindet und deren Mitbegründerin sie auch ist. Oberfrank war es auch, die vor Jahren die Idee umgesetzt hat, aufstrebenden Designern jeweils für einen Monat im Combinat, das als Shop und Showroom fixer Bestandteil des Museumsquartiers ist, einen Umschlagplatz für ihre Kollektionen zu geben.
Für den Summer of Fashion wurden Eva Blut, Tiberius, Nubu und Mila Miyahara als Designer des Monats ausgewählt. Für Eva Buchleitner, die hinter dem Label Eva Blut steht und noch bis 3. Juli im MQ Point gastiert, kommt die Gelegenheit gerade recht. Sie möchte das Interesse der Wiener an ihren ausgefallenen, praktischen Taschen und Accessoires testen und im Herbst einen eigenen Eva-Blut-Shop in der Bundeshauptstadt aufmachen. Dazu hat sie neben ihrer Präsenz im Museumsquartier vorübergehend auch einen Pop-Up Store im siebenten Wiener Gemeindebezirk eröffnet. "Es läuft sehr gut", schildert die lockige Designerin zwischen mit wandelbaren Taschen in allen Größen behangenen Metallständern. Kleidung entwirft die Österreicherin mittlerweile nicht mehr, diese ist ihr zu schnelllebig. "Taschen und Accessoires sind da zeitunabhängig und ermöglichen mir, mehr in die Tiefe zu gehen", meint sie.
LACK UND LEDER
Im Juli wird Eva Blut im Museumsquartier von Tiberius abgelöst. Die einstige Fetisch-Marke, die sich mittlerweile zum salonfähigen, anerkannten Label für selbstbewusste, sexy Mode gemausert hat, begeht im Rahmen des Summer of Fashion ihr 20-jähriges Bestehen. Als Designer des Monats präsentiert das Label von Gründer Karl Ammerer und Partner Marcos Valenzuela das Projekt "Vienna Originals", für das sich 20 Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst und Kultur in Tiberius-T-Shirts ablichten haben lassen. Die Bilder werden ausgestellt und kleine Abzüge von ihnen verkauft. Auch die aktuelle Tiberius-Kollektion "Origins", für die Valenzuela extra T-Shirts entworfen hat, wird im Museumsquartier zu erstehen sein. Ein paar Wochen vor dem Auftritt im Summer of Fashion läuft der Chefdesigner im Tiberius-Shop in der Lindengasse in Wien auf Hochtouren. Denn neben den Vorbereitungen für das Jubiläum muss er auch die Kollektion für den nächsten Sommer rechtzeitig für die Fashion Week in Berlin fertigstellen. Da ist die aktuelle Kollektion beinahe schon Schnee von gestern. Doch der quirlige Kolumbianer nimmt sich Zeit, um sie näher zu erläutern. Unter dem Titel "Origins" wollte Valenzuela zum Ausdruck bringen, "woher wir kommen". Inspiriert wurde er dabei von der japanischen Fesselkunst Bondage, die die Fetisch-Wurzeln von Tiberius widerspiegelt, und der prähistorischen Wandmalerei, die neben dem üblichen Schwarz mit Gold- und Kupfertönen etwas Farbe ins Spiel bringt. "Ich bin ein konzeptueller Designer", erklärt Valenzuela, "ich sauge alle Informationen auf, bevor ich den ersten Strich mache." Vor dem Entwurf der T-Shirts für den Summer of Fashion war der Designer zugegebenermaßen ein wenig nervös. "Ich habe seit der Schule keine T-Shirts mehr zugeschnitten und gemacht", erzählt er. Statt den sonst so exquisiten Materialien wie Pelz und Leder, mit denen Valenzuela täglich zu tun hat, hielt er nun stinknormale Baumwolle in der Hand. Obwohl, ganz so trivial durfte es für Tiberius dann doch nicht sein. "Die T-Shirts sind aus Bambusbaumwolle wegen der Sensitivität", sagt der Designer, während er mit seiner Hand langsam über eines der 101 handbemalten und handbestickten Stücke fährt, an denen verspielt und mit viel Liebe zum Detail kunstvolle Kordeln angebracht sind. "Das ist eine andere Qualität und fühlt sich anders an." Dass Tiberius als Designer des Monats in den Summer of Fashion eingebunden ist, macht ihn stolz. Einen zweiten Auftritt im Museumsquartier hat das Label dann noch zum Höhepunkt und gleichzeitigem Ende des modischen Events, der MQ Vienna Fashion Week, bei der auch schon wieder die nächste Kollektion präsentiert wird.