• vom 04.08.2013, 06:00 Uhr

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Snowdens Musterschüler




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Von Benjamin Breitegger

  • Auf Crypto-Partys lernt man "digitale Selbstverteidigung"
  • Einst paranoide Nerds gelten die Cryptos heute als angesagte Experten.

Der   Beobachtung im Netz wollen Cryptos entkommen.

Der Beobachtung im Netz wollen Cryptos entkommen.© dpa/Berg Der Beobachtung im Netz wollen Cryptos entkommen.© dpa/Berg

Wien. Zloonrpphq dxi ghu Fubswrsduwb. Zwanzig Köpfe hängen über den mystischen Buchstabenkolonnen. Im metalab, im Kellergeschoß in der Rathausgasse, steht die Luft. Der Eingang wirkt wie die Tür zu einem Raumschiff. Ein altersschwacher Ventilator kämpft gegen den Luftwiderstand. Laptopbesitzer drängen sich auf engem Raum, kleben an Sesselkanten und hören aufmerksam zu: Maria, eine 21-jährige Chemie-Studentin, erklärt die simple "Cäsar-Verschlüsselung". Buchstaben werden dabei um eine bestimmte Anzahl von Stellen im Alphabet verschoben. Zloonrpphq dxi ghu Fubswrsduwb. Oder übersetzt: Willkommen auf der Crypto-Party.

Information

Cryptopartys finden jeden letzten Montag im Monat statt. Die nächste ist am 27. August. Thema und Ort werden auf www.cryptoparty.at bekannt gegeben. Der Eintritt ist frei.

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Laut Website läuft eine Crypto-Party folgendermaßen ab: Menschen sitzen nett zusammen, beraten sich gegenseitig und lernen nebenbei, wie man sich sicher und anonym im Internet bewegt. Aktuelles Thema: Sicheres Speichern von Daten. Seit der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden die umfangreiche Überwachung des Internets durch die USA aufgedeckt hat, wurden auch hierzulande Internetnutzer wachgerüttelt. Wie kann ich meine Daten schützen? Mein Online-Leben den Behörden nicht vollständig ausliefern? Galten sie früher als paranoide Nerds, deren Verschwörungstheorien niemand Glauben schenken wollte, sind sie heute die Experten, die man demütig um Rat fragt.

"Digitale Selbstverteidigungskurse" nannte der "Spiegel" die Idee der Crypto-Partys. Entstanden ist die Wortschöpfung Ende 2012, als eine australische Internet-Aktivistin als Reaktion auf ein Gesetz, das eine Ausweitung der staatlichen Überwachung ermöglichte, twitterte: "Ich will eine riesige Melbourne-Crypto-Party! Bringt Laptops, Bier und Musik. Bestimmen wir Zeit und Ort. Wer ist dabei?" San Francisco, Singapur, Berlin und Kairo griffen die Idee auf. Nun auch Wien. Trafen sich bei der ersten Veranstaltung gerade einmal 15 Neugierige, so waren es am Montagabend bereits 70.

Organisiert werden die Veranstaltungen von Ehrenamtlichen. Wie Pepi und Maria. "Wer hat aller USB-Sticks?", fragt Pepi in die Runde. Der 39-jährige Computeradministrator engagiert sich seit der ersten Crypto-Party vor einem Jahr. Hände schießen in die Höhe. "Und wer weiß, wo sein USB-Stick gerade ist? Wer hat schon mal einen verloren", bohrt er nach. Genau. Und deswegen brauche man Verschlüsselung - persönliche Daten sollen persönlich bleiben.

Immer mehr Anwender interessieren sich für Computersicherheit. Ein Großteil der Gäste ist zum ersten Mal dabei. So wie Florian. Der 28-jährige Biologe sitzt mit seiner Freundin auf einer Couch, gemeinsam verschieben sie Buchstaben hin und her, entschlüsseln gegenseitig ihre Nachrichten. Florian wechselte vor Jahren von Windows auf das kostenlose Betriebssystem Linux. Seitdem setzt er nur mehr gratis erhältliche Software ein. Nun will er wissen, wie er seine Daten verschlüsseln kann.

Ziel ist es, der Masse einfache Sicherheitsmethoden praktisch näher zu bringen. "Die meisten wollen ja nicht die Theorie dahinter wissen", sagt Pepi. Dass E-Mails zu verschlüsseln keine leichte Sache ist, gibt er zu. Daher versammelt man sich in kleinen Gruppen bei Bier oder Mate-Tee und bespricht die einzelnen Schritte, die dazu notwendig sind.

"Durch die in Österreich gesetzlich verankerte Vorratsdatenspeicherung ist unser komplettes soziales Netzwerk gespeichert", sagt Pepi. Wer, wann, wo, mit wem und wie lange telefoniert und E-Mails ausgetauscht hat - alles auf staatlichen Festplatten. Nicht nur Studenten, auch Pensionisten, besuchten die Crypto-Veranstaltungen. "Uns geht es darum, wie man sein Grundrecht auf Privatleben nach Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention durchsetzt", sagt Pepi. Das sei nur mit umfassender digitaler Verschlüsselung möglich.

Auf die Frage, warum man sich über digitale Überwachung überhaupt Gedanken machen sollte, antwortete Snowden: "Weil, selbst wenn man nichts falsch macht, alles beobachtet und gespeichert wird." Nur ein Verdacht könne verheerende Folgen haben - das ganze bisherige Leben untersucht werden. Snowden will nicht in einer Welt leben, in der seine gesamte Kommunikation gespeichert wird. Ebenso wenig das kleine konspirative Grüppchen in der Rathausgasse, das sich nun digital zu wehren weiß.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2013-08-02 16:47:12
Letzte Änderung am 2013-08-02 17:24:24


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