• vom 19.05.2017, 19:29 Uhr

Service

Update: 22.05.2017, 10:45 Uhr

Betrug

Leid und Luxus




  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief





"Die Menschen haben das Gefühl, dass sie etwas zurückgeben und helfen", bestätigt Chefinspektor Christoph Heichinger. Er ist stellvertretender Leiter des Büros Betrug, Fälschung und Wirtschaftskriminalität im Bundeskriminalamt. "Als Opfer suchen die Täter Menschen aus, die wenig Kontakt zur Außenwelt haben. Die müssen jemanden finden, der froh ist, dass er jetzt quasi Kontakt zu seinem Lieblingsneffen hat."

Die Opfer würden aus allen Gesellschaftsschichten stammen. "Vom Arbeiter bis zum Akademiker sind alle dabei. In der richtigen Minute angerufen, ist wahrscheinlich keiner davor gefeit, zum Opfer zu werden", so Heichinger. Mit Fragen wie "Rate mal, wer dran ist?" beginnen die Täter das Gespräch. Dabei können sie sich - je nachdem, wie geantwortet wird - auch als Neffen oder Nichten ausgeben. Der Trick wird daher auch als Neffentrick bezeichnet. Anfangs sind die Täter lieb. Doch dann fordern sie Geld. Sie seien in einer finanziellen Notlage und würden das Geld gleich zurückzahlen, behaupten die Betrüger beispielsweise.

Auch Psychoterror werde von den Tätern angewandt, sagt Heichinger. Im Minutentakt erfolge ein Anruf nach dem anderen. Dem Opfer lasse man keine Möglichkeit zum Nachdenken oder Kontakt mit anderen Menschen. "Sie drohen mit Liebesentzug, sagen: ,Wenn du mir jetzt nicht hilfst, komme ich nie wieder.‘ Das Opfer wird so lange getrieben, bis es nur mehr eine Ruhe haben will. Wir haben Mitschnitte, da fangen die Menschen zum Weinen an, weil sie es nicht aushalten.". Innerhalb eines Tages - während der Banköffnungszeiten - spiele sich daher meist die gesamte Tat ab. Laut Heichinger nützen die Täter gezielt die altersbedingten Schwächen - etwa das schlechte Gehör - der Senioren aus. Sie sollen in der Sprach- und Gesprächsführung sehr geschickt sein und verschiedene deutsche Dialekte beherrschen. Die Täter bilden nach Ermittlererkenntnissen ein kriminelles Netzwerk, das aus mehreren Roma-Großfamilien besteht. "Sehr viele Fäden laufen in Polen zusammen, weil dort die Community und der Familienclan sitzen."

Hohe Dunkelziffer
Genaue Statistiken, wie viele Opfer es gibt und welchen Schaden die Betrüger verursachen, existieren nicht. Weber und Heichinger schätzen die Dunkelziffer hoch ein. "Die Opfer empfinden typischerweise oft Scham, wenn sie darauf hineinfallen. Aus dieser Scham heraus gestehen sie dann oft nicht einmal den Angehörigen, dass sie Opfer eines Betruges wurden. Viele fühlen sich auch schuldig, Geld überwiesen und nicht vorher die Polizei verständigt zu haben", erklärt Weber.

Dank internationaler Kooperationen konnten die Ermittler zuletzt Erfolge vermelden. Mitte März wurde der Pate des Enkeltricks, ein 49-jähriger Pole, in Warschau verhaftet. Er gilt als Oberboss der Betrügerfamilie. Bereits 2014 wurde er einmal festgenommen - laut Ermittlern in einer Wohnung mit vergoldeten Möbeln. Gegen Kaution kam er auf freien Fuß.

Die zuständige Staatsanwaltschaft Graz hofft nun auf seine baldige Auslieferung nach Österreich. Seit der Festnahme sei es in Wien ruhig, sagt Heichinger. "Wenn die Aufmerksamkeit groß ist, fahren die Täter etwas zurück." Er glaubt aber, dass die Zahl der Opfer wieder steigen wird - auch aufgrund der immer älter werdenden Gesellschaft.

zurück zu Seite 1




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-19 17:36:05
Letzte Änderung am 2017-05-22 10:45:07





Werbung


Werbung