• vom 21.08.2017, 18:31 Uhr

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Schulstart

Die Schultüten gegen Armut




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Von Martina Madner

  • Der Schulstart ist teuer. Zwar gibt es Akuthilfe für armutsgefährdete Kinder, Investitionen in Bildung helfen aber dauerhafter.

Bei der Schulstartaktion in den Caritas-Lagern können Eltern sonst teure Schulsachen kostensparend einkaufen. - © M. Madner

Bei der Schulstartaktion in den Caritas-Lagern können Eltern sonst teure Schulsachen kostensparend einkaufen. © M. Madner

Wien. Rashed ist stolz darauf, dass er in zwei Wochen bereits zur Schule geht. Der Sechsjährige nickt und grinst breit, als seine Schwester sagt: "Ja, er ist bald ein Schulkind." Dann ist er aber gleich wieder bei der Sache: Er sucht sich bei der Schulstart-Aktion im Carla Mittersteig, dem Caritas Laden in Margareten, den Inhalt seiner Schultüte aus.

Rashed ist mit Geschwistern und Mutter hier. Diese achtet darauf, dass nicht nur Buntes, sondern auch Nützliches in den Einkaufskorb wandert. Der überdimensionale Bleistift mit fünf Zentimetern Durchmesser etwa, den sich der Bub ausgesucht hätte, darf folglich nicht mit.


Die Familie ist so wie rund zwei Dutzend andere hier, um gebrauchte und neue gespendete Schulsachen wie zum Beispiel Stifte ab zehn Cent, Geodreiecke, Malkästen oder Federpennale ab einem und Mappen ab drei Euro, Schultaschen ab fünf Euro, im Rahmen der Carla-Schulstartaktion für Familien in Not einzukaufen. Denn: "Für viele Eltern kann der Schulstart zu einer echten, jährlich wiederkehrenden Herausforderung werden", sagt Klaus Schwertner, Caritas-Generalsekretär der Erzdiözese Wien.

"Kein Kind soll beschämt werden, sondern in der Schule alles Nötige mithaben, um gut lernen zu können." Die Schulaktion der Caritas läuft noch bis 9. September am Mittersteig und in der Steinheilgasse in Floridsdorf. Dort werden auch weitere Spenden entgegengenommen.

231.000 Kinder sind armutsgefährdet
Laut Silc, der EU-weit erhobenen Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen, leben in Österreich 231.000 Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 15 Jahren in armutsgefährdeten Familien. Das sind 17 Prozent. 66.000 davon sind in Wien zu Hause.

Auch die Stadtdiakonie Wien bietet diesen unter dem Titel Aktion Schulanfang Akuthilfe an und hat ein Spendenkonto für Kinder, deren Eltern sich den Schulstart nicht leisten können, eingerichtet. Diese erhalten entweder Sachspenden oder einen Bargeldzuschuss. Denn, so Jitka Zimmermann, Geschäftsführerin der Stadtdiakonie Wien: "Alle Schülerinnen und Schüler sollen die gleichen Chancen haben."

Und für Familien mit schulpflichtigen Kindern, die bedarfsorientierte Mindestsicherung beziehen, gibt es darüber hinaus österreichweit auch ein kostenloses Schulstartpaket. Es wird vom Sozialministerium und dem Europäischen Hilfsfonds finanziert. Gutscheine und Antragsformulare dafür haben die Eltern bereits von den zuständigen Magistraten bzw. Bezirkshauptmannschaften ihres Bundeslands erhalten. Diese müssen sie beim Kooperationspartner des Ministeriums, dem Roten Kreuz, abgeben. Dort erfährt man auch, wann und wo das Paket zur Abholung bereitsteht. In Wien wurden, obwohl erst Halbzeit (die Aktion läuft noch bis zum 22. September), bereits 10.000 Schulstartpakete abgeholt.

Bildung als Schlüssel
gegen Armut

Akuthilfe ist wichtig, Prävention und Auswege aus der Armut aber ebenfalls. Einer der Schlüssel dafür sei Bildung, ist Caritas-Generalsekretär Schwertner überzeugt. Denn je geringer die Bildung, desto höher die Armutsgefahr. So zeigt sich, dass 34 Prozent der Armutsgefährdeten nur die Pflichtschule abgeschlossen haben. Der Anteil ist damit beinahe doppelt so groß wie jener von Maturanten: Diese machen 18 Prozent der Armutsgefährdeten aus. Die Ausbildungspflicht bis 18 Jahre ist für Schwertner folglich ein wichtiger Schritt in der Armutsbekämpfung, weitere wären zwei verpflichtende Kindergartenjahre statt einem und noch mehr Ganztagsschulplätze. Denn: "Jedes fünfte Kind braucht Nachhilfe, um die Schule zu schaffen."

In der Zwischenzeit bietet die Caritas solchen Kindern rund 50 Lerncafés österreichweit, fünf davon in Wien, wo freiwillige Helfer vergangenes Schuljahr 1440 Kinder und Jugendliche mit Nachhilfe unterstützten. Weitere 700 stehen allerdings auf einer Warteliste. Die Caritas sucht deshalb im Rahmen der Aktion Zeitschenken weitere Freiwillige, die ab Herbst mit Kindern üben wollen.

Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk würde sich über die individuelle Hilfe der Kinder hinaus auch eine Unterstützung konkreter Schulen in sozial benachteiligten Bezirken wünschen, "damit sie keine Schüler zurücklassen und für alle Einkommensschichten attraktiv bleiben". Städte wie Zürich und Hamburg hätten mit einer Förderung nach einem solchen Chancenindex bereits gute Erfahrungen gemacht, "damit könnte in den Schulen einiges verbessert werden".




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Dokument erstellt am 2017-08-21 17:51:05




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