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Stadtleben

Update: 20.04.2012, 13:53 Uhr
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US-Historiker John W. Boyer im Interview zum 100. Todestag des legendären Wiener Bürgermeisters Karl Lueger

Der Anfang vom einfärbigen Wien


Von Walter Hämmerle

  • Bürgermeister, Parteigründer und Antisemit: Lueger polarisiert bis heute.
  • Boyer: Lueger war Politiker voller Widersprüche.
  • Formte Vorläufer für das Rote Wien.
  • "Wiener Zeitung": Worin liegt die Faszination von Karl Lueger, was macht ihn zu einem so umstrittenen politischen Mythos?
  • John W. Boyer: Lueger war zweifellos einer der erfolgreichsten Parteipolitiker der späten Monarchie. Er war einer der ganz wenigen, die den Kaiser herausforderten und sich auch durchsetzten, indem er 1897 seine Ernennung zum Wiener Bürgermeister gleichsam erzwang. Das verlieh ihm in den Augen seiner Anhänger etwas Heroisches.

John W. Boyer: "Luegers Antisemitismus war nicht nur ein rhetorisches Spiel zum Wählerfang."

John W. Boyer: "Luegers Antisemitismus war nicht nur ein rhetorisches Spiel zum Wählerfang."Wiener Zeitung / Andreas Urban John W. Boyer: "Luegers Antisemitismus war nicht nur ein rhetorisches Spiel zum Wählerfang."Wiener Zeitung / Andreas Urban

Darüber hinaus avancierte Lueger mit der Gründung der Christlichsozialen Partei zu einem der Architekten des späteren österreichischen Zweiparteiensystems. Berühmt wurde er aber natürlich durch seine Politik der Kommunalisierung in den Bereichen öffentlicher Verkehr und Energie, berüchtigt durch seinen gezielt eingesetzten Antisemitismus. Dass Lueger von Adolf Hitler in "Mein Kampf" explizit lobend hervorgehoben wird, hat natürlich wesentlich zum Lueger-Bild der Nachwelt beigetragen.

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Warum vermag Lueger die Öffentlichkeit noch immer in erklärte Befürworter und vehemente Gegner zu spalten?

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die meisten Historiker sich lieber mit der Geschichte der Republik vor und nach 1945 auseinandersetzen als mit der Spätzeit der Monarchie. Dazu kommt, dass über lange Zeit die politische Geschichtsschreibung von den Parteien und ihrer besonderen Perspektive dominiert war. Während die Sozialdemokraten aus naheliegenden Gründen kein gesteigertes Interesse an Lueger hatten und sich lieber ihrer eigenen Geschichte widmeten, war es bei der Volkspartei wohl so, dass sie sich für Lueger und dessen Antisemitismus schämte und ihn deshalb weitgehend ignorierte. Als Außenstehender habe ich es einfacher, einen unvoreingenommenen Standpunkt einzunehmen. Ich bin keiner Parteigeschichte verpflichtet und mein Buch über Lueger und seine Zeit soll zeigen, dass die Geschichte der Republik Österreich nicht erst 1918 begonnen hat: Die Strukturen, die das Land zum Teil noch heute regieren, wurden am Ende der Monarchie geformt.

Worin liegt das Innovative in Luegers Politik?

Lueger wusste, wie man Wahlen gewinnt. Er verstand, dass dies nachhaltig nur dann gelingt, wenn man auf die Interessen und Bedürfnisse der Wähler Rücksicht nimmt und nicht nur die eigenen den Wählern überstülpt. Das verlieh ihm ein Gespür für soziale Themen. Die Gründung der Christlichsozialen Partei fand in einer Zeit des sozialen Umbruchs statt, als viele Bürger sich vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und einem sozialen Abstieg fürchteten. In den USA gibt es den Spruch "all politics is local": Lueger hatte das verstanden.

Innovativ war Lueger auch in dem Sinn, als es ihm gelang, eine unglaublich breite Koalition heterogener Interessen zu schmieden: Kleingewerbetreibende, katholische Kleriker, Beamte, Lehrer, Hausbesitzer - sie alle fürchteten um ihr soziales Fortkommen und wurden nun in einer politischen Bewegung vereint. Das war sehr ungewöhnlich, und Lueger hatte die Fähigkeit, diese heterogene Koalition der Interessen zusammenzuhalten.

Diese neue Bewegung erwies sich schließlich auch, sobald sie einmal die Macht errungen hatte - 1897 im Wiener Rathaus, 1907 als stärkste Kraft im Reichsrat - als ausgesprochen disziplinierte Partei. Lueger kontrollierte das Stimmverhalten seiner Abgeordneten. Die Sozialdemokraten funktionierten ganz ähnlich, während die alten Liberalen völlig unberechenbar waren. Lueger formte seine Partei als streng hierarchische, disziplinierte Polit-Maschine. Damals war das ein sehr moderner Zugang.

Was war antimodern in Luegers Politik?

Lueger war tief im 19. Jahrhundert verwurzelt, daher stammt auch sein korporatistisches Verständnis der Stadt: Echte Wiener waren für ihn nur diejenigen, die Besitz hatten und Steuern zahlten. Das widerspricht natürlich einem massendemokratischen Verständnis. Trotzdem stimmte seine Partei der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts auf Reichsebene zu, hielt aber für Wien am Zensuswahlrecht fest.

Wie begründete er diesen offensichtlichen Widerspruch?

Indem er die Stadt als korporatistische Einheit darstellte, die auch als solche zu führen sei. Deshalb sollten politische Entscheidungen nur von denen getroffen werden, die Steuern zahlten. Aber natürlich fürchtete er auch um die Macht seiner Partei. Persönlich glaube ich, dass die Christlichsozialen mit Lueger an der Spitze durchaus Chancen gegen die Sozialdemokraten gehabt hätten, zumindest wäre der Abstand geringer gewesen.

Welche Rolle spielte der Antisemitismus in und für die Politik des Bürgermeisters?

Glaubt man den Berichten seiner Zeitgenossen, so scheint Lueger eher den Antisemitismus instrumentell benutzt als an ihn geglaubt zu haben. Für mich klingt das plausibel. Die entscheidende Frage ist aber, ob Menschen dadurch diskriminiert wurden. Das muss ganz klar bejaht werden. So säuberten die Christlichsozialen beispielsweise das Magistrat von jüdischen Beamten. Zuvor hatten zwar auch die Liberalen keine Juden im Magistrat neu aufgenommen, aber immerhin warfen sie die, die da waren, nicht hinaus. Auch bei städtischen Aufträgen wurden die Juden benachteiligt. Natürlich ist das mit dem Holocaust der Nazis nicht vergleichbar, aber die soziale und ökonomische Diskriminierung war real. Luegers Antisemitismus war also nicht nur ein rhetorisches Spiel zum Wählerfang.

Im Laufe seiner Amtszeit schwächte sich das jedoch ab und einige Gefolgsleute Luegers, die tatsächlich überzeugte Antisemiten waren, zeigten sich enttäuscht. Ein Grund dafür war sicherlich, dass er zusehends in sein Amt als Bürgermeister aller Wiener hineinwuchs; gleichzeitig hatte sich aber auch die politische Großwetterlage geändert: Spätestens ab 1900 war die Sozialdemokratie zu Luegers Feindbild Nummer eins geworden, das es nun mit aller Macht zu bekämpfen galt. Dieser Kampf ließ sich zwar theoretisch auch mit antisemitischen Untertönen führen, das war aber aus Luegers Sicht nicht das effizienteste politische Kampfmittel gegen die Sozialdemokraten.




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Karl Lueger

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2010-03-09 16:13:54
Letzte Änderung am 2012-04-20 13:53:15


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