
Man muss kein Prophet sein, um die Chancen auf eine Umsetzung der Pläne skeptisch zu beurteilen. Alle Jahre wieder fordern Initiativen die Stadtpolitik auf, die Erinnerung an den ebenso legendären wie umstrittenen Bürgermeister aus dem offiziellen Antlitz Wiens zu tilgen. Neben dem Denkmal geht es dabei stets vor allem um den Dr.-Karl-Lueger-Ring, an dem das Hauptgebäude der Universität Wien liegt. Die Wiener SPÖ erteilte diesen Ansinnen bisher eine Abfuhr. Begründet wird dies mit dem organisatorischen und finanziellen Aufwand, der einer Umbenennung folgen würde. Mindestens so wahrscheinlich ist jedoch, dass damit auch eine sehr viel breitere Debatte über Straßen- und Platzbezeichnungen einhergehen würde.
Die Debatte zeigt jedoch exemplarisch, wie polarisierend der 1844 in Wien-Wieden als Sohn eines Saaldieners geborene Lueger auch heute noch, hundert Jahre nach seinem Tod, betrachtet wird. Seinen Anhängern gilt er als legendärer Bürgermeister, der mit seiner Politik der Kommunalisierung zentraler städtischer Dienstleistungen den Grundstein für den Aufstieg Wiens zu einer modernen Metropole legte. Seine Gegner betrachten Lueger dagegen als Politiker, der nicht davor zurückschreckte, mit antisemitischen Parolen auf Stimmenfang zu gehen.
Steiler Aufstieg
Seinen Aufstieg erarbeitete sich Lueger dabei mit eiserner Disziplin und großem strategischen Geschick. Dank seines Talents wurde ihm gestattet, die Theresianische Ritterakademie zu besuchen, nach deren Abschluss er Jus studierte. Ab 1874 war er als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei tätig, wobei er sich als Anwalt der kleinen Leute zu profilieren versuchte.
Politisch engagierte sich Lueger, der auch Mitglied im katholischen ÖCV war, zuerst bei den Liberalen. Erstmals in den Wiener Gemeinderat zog er 1875 ein, später wurde er auch in den Reichsrat sowie in den niederösterreichischen Landtag ein.
Ab Ende der 1880er Jahre arbeitete Lueger auf die Bildung eines neuen christlichen Parteienbündnisses hin, das er zum Sammelbecken für den vielzitierten "kleinen Mann" ausbauen wollte. Entsprechend standen soziale Fragen im Mittelpunkt einer Politik, deren institutionelles Rückgrat die katholische Kirche und deren ideologischer Kit in weiten Teilen ein gezielt eingesetzter Antisemitismus war. 1893 schließlich gründete Lueger die Christlichsoziale Partei, die er zu einer modernen Massenpartei ausbaute.