• vom 13.02.2009, 17:22 Uhr

Stadtleben

Update: 13.02.2009, 17:23 Uhr

Besuch im "Lighthouse", Wiens einziger Wohngemeinschaft obdachloser Drogensüchtiger mit Aids-Infektion

Licht in Wiens "Schwarzes Loch"




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Von Werner Grotte

  • Privatverein als letzte Station in Wiens Sozial-Netz.
  • Betreiber erhält keine Förderungen.
  • Wien. Fast 3700 Obdachlosen-Schlafplätze gibt es derzeit in Wien - von der Jugend-Notschlafstelle "My Way" am Westbahnhof bis zum betreuten Seniorenwohnen. Laut Sozialstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) "muss bei uns niemand, der nicht will, auf der Straße schlafen". Doch grau ist alle Theorie; mehr noch: Sozialexperten sprechen von einem "schwarzen Loch", in das immer mehr Gestrandete fallen, für die niemand zuständig sein will.

Tatsächlich gibt es immer mehr, die sogar in der legendären Gruft oder beim Ganslwirt Hausverbot haben (etwa weil sie "zu" oder gewalttätig sind). Ihnen bleibt nur der Weg in private Obdachlosenheime, deren Ruf aber oft umstritten ist. Eines diese Projekte ist das öffentlich kaum bekannte "Lighthouse" in der Dampfschiffstraße in Wien-Landstraße. Hier wohnen 62 Menschen, die eines eint: Drogensucht, schwere, vielfach unheilbare Krankheiten - und Delogierung aus Gemeindewohnung oder anderen Sozialheimen.

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Fragt man beim Fonds Soziales Wien (FSW) oder der städtischen Drogenkoordination nach dem "Lighthouse" und dessen Betreiber Christian Michelides, erhält man nur ausweichende Antworten. Selbst bei der Wiener Aids-Hilfe will man offiziell nichts zum "Lighthouse" sagen. Sicher ist nur: Unterstützung aus Steuergeldern - wie etwa für EKH oder Punkerhaus - gibt es dafür keine.

"Wir bemühen uns schon lange nicht mehr um Förderungen des FSW, denn damit bekämen wir Auflagen, die einen Betrieb nicht mehr leistbar machen", sagt "Lighthouse"-Chef Michelides, der nächstes Jahr das zehnjährige Bestehen seiner Einrichtung feiert.

"Fallen durch alle Netze"

"Meine Klienten fallen durch alle Netze, um sie kümmert sich keiner - und genau aus solchen Übriggebliebenen ist damals das Projekt entstanden. Angefangen habe wir mit drei Leuten, jetzt platzen wir aus allen Nähten", sagt der in Ausbildung stehende Familientherapeut.

Die Problematik zeigt sich beim Lokalaugenschein rasch: Denn auch die sechs im Haus tätigen Betreuer sind zwar bemüht, laut Michelides aber großteils noch keine fertigen Therapeuten, Sozialarbeiter oder Ärzte. Dennoch müssen im Haus nicht nur Krebs-, Hepatitis- und Aids-Medikamente, sondern auch Drogensubstitution ausgegeben werden. Etliche Hausbewohner benötigen zudem Pflege, manche sind gar bettlägrig mit Pflegestufe 4. Wie Michelides versichert, habe man "die Lage im Griff", mache Ausbildungslücken mit Erfahrung wett.

"Uns ist klar, dass wir uns in einem Graubereich bewegen", sagt der Hausleiter, "aber wohin sollen die Leute? Wenn sie einen Aids-Patienten im Drogenmilieu auf der Straße leben lassen, nimmt er seine lebenswichtigen Medikamente nicht täglich. Das bedeutet ein sicheres und qualvolles Todesurteil", sagt Michelides.

Man arbeite daher mit einer Ärztin und einer Apothekerin zusammen, die sich um die Drogensubstitution kümmern. Auch mit den zuständigen AKH-Kliniken, Sozialamt und Polizei bestehe gutes Einvernehmen. Laut Michelides hätten "viele unserer Klienten lange Haftstrafen hinter sich, sind psychisch krank, manche auch besachwaltert, und können sich in normale Gemeinschaften nicht mehr einfügen".

Man helfe den Klienten daher im Alltag, begleite sie bei Bedarf zu dringenden Amtswegen. "Das sind oft mühsame Spießrutenläufe zwischen Arbeitsamt, Pensionsversicherung, Sozialamt und Gebietskrankenkasse, wo die Leute im Kreis geschickt werden, bis sie aus den Bezügen fallen."

Die Bemühungen sind nicht ganz uneigennützig: Mangels öffentlicher Unterstützung ist der Verein auf die Mieteinnahmen der Hausbewohner angewiesen. Laut Michelides seien fast alle Klienten Sozialhilfe- oder Pensionsbezieher, was meist ein Monatseinkommen von rund 770 Euro bedeute. Die Monatsmiete betrage 380 Euro, den Rest verwalte man auf Wunsch und zahle ihn in kleinen Tranchen aus, um spontane Drogenkäufe oder Ähnliches zu verhindern.

Rund 80 Prozent der Klienten könnten mit diesem System gut leben und wohnen oft jahrelang im Haus, sagt Michelides. Die Einzel- oder Doppel-Kleinwohnungen sind sauber, nicht luxuriös und haben alle Kochnische, Bad und Klo. Drogenkonsum und Haustiere sind erlaubt. "Viele haben nichts anderes mehr im Leben", sagt Michelides. Das Totenbuch des Hauses steht gleich neben dem Medikamententresor. Der letzte Eintrag stammt vom August 2008.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2009-02-13 17:22:36
Letzte Änderung am 2009-02-13 17:23:00

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