
Seit 5. Dezember findet man direkt vis-à-vis des Ronacher ein Restaurant, dessen Inhaber, Christian Halper, die Sehnsucht nach ethischem, nachhaltigen und fleischlosen Essen zum Geschäftsmodell erklärt hat. Halper, seines Zeichens Ex-Superfundmanager, hat sich mit dem "Tian" einen Traum erfüllt, und weil man ein stylisches Lokal schlecht Christian nennen kann, mussten die letzten Buchstaben seines Vornamens herhalten, um dem Restaurant an der Ecke Himmelpfortgasse seinen Namen zu geben. Zum Glück bedeutet "Tian" im Chinesischen auch noch Himmel und somit ist der Mehrdeutigkeit in vielerlei Hinsicht Genüge getan.
Für die Zubereitung des himmlischen Essens konnte Paul Ivic als Chef de Cuisine gewonnen werden, der zuvor im "Taubenkogel" als Souschef werkte. Der in Serfaus geborene Ivic mit Tiroler und kroatischen Wurzeln hat im Laufe seiner Karriere zwei Hauben und einen Michelin-Stern erkocht und erweist sich mit seiner Begeisterung für ehrliche und natürliche Küche als Idealbesetzung. Sein Anliegen sei es, die Vielfalt der vegetarischen Küche aufzuzeigen, erzählt er im Gespräch mit dem "Wiener Journal". Die Definition von vegetarisch als Verzicht auf Fleisch und Fisch gefällt ihm deshalb gar nicht, weil Verzicht habe etwas mit Entbehrung zu tun, und bei seiner Küche müsse niemand etwas entbehren, sagt er. "Da gibts viele Fleischesser unter den Gästen, die mir sagen, sie hätten Fleisch und Fisch gar nicht vermisst, und das ist ein großes Lob für mich", meint Ivic in breitem Tirolerisch. Früher hätten die Leute einmal pro Woche Fleisch oder Fisch gegessen, "das war dann etwas Besonderes. Denken Sie daran, wie exklusiv Lachs früher gewesen ist, heute kriegt man ihn in jedem Supermarkt." Ivic, der selbst kein Vegetarier ist, ärgert sich über Profigier, Gewinnmaximierung und Werbelügen in der Lebensmittelbranche. "Auch Gemüse ist nicht automatisch gesund, man muss schon auf die Qualität beim Anbau achten: Wird mit Pestiziden gespritzt, ist der Boden überdüngt, usw. Schlechte Qualität beim Gemüse lässt sich nur schlecht kaschieren", plaudert der Koch aus der Schule und als einfacher Konsument bekommt man eine Ahnung davon, wie schwer es ist, sich halbwegs verantwortungsvoll zu ernähren. Ivic will seine Art zu kochen auch nicht unbedingt als gesund definiert wissen, er halte den Begriff Gesundheit für "ziemlich überstrapaziert". Vielmehr will er Lebensfreude und Genuss vermitteln, zeigen, dass vegetarisches Essen durchaus "sexy" sein kann.
Dass Paul Ivic, der als Lieblingsspeise die Speckknödel seiner Mutter angibt, "sexy" kocht, lässt sich getrost bestätigen. Ob man nun die Karotten-Ingwersuppe oder den exotischen Caesar Salat mit Orangen und Avocado probiert oder das pikante Raffaello aus weißer Polenta in einer Sauce aus Mandelpilzen, die Paradeiser-Teigtaschen mit Ziegenfrischkäse gefüllt oder die Schlutzkrapfen auf einem Bett aus roten Rüben - alles ist perfekt aufeinander abgestimmt, mit Gewürzen, Ölen und Essigen raffiniert gewürzt und abgeschmeckt. Und man ist tatsächlich überrascht, wie facettenreich vegetarische Küche sein kann.

Ein zweigängiges Mittagsmenü wird von Montag bis Freitag um 10,80 Euro angeboten, Vorspeisen kosten zwischen 4,80 und 8,90 Euro, Hauptgerichte werden auch in kleineren Portionen angeboten zwischen 12,90 (9,90) und 18,90 (14,90) Euro. Neben diversen Fruchtsäften gibts eine feine Auswahl an hauptsächlich österreichischen Weinen und Bier aus dem Waldviertel.
Im Eingangsbereich verführt ein Take-Away-Market zum kurzen Verweilen bei kleingehaltenen Köstlichkeiten um wenig Geld. Fazit: Unaufgeregt und unaufdringlich wird Essen hier zum Lifestyle-Konzept. Reservierung wird empfohlen.