Wien.

Dass die Österreicher mit Ausnahme der Wiener bunte Verkleidungen, Umzüge und stundenlange Faschingssitzungen samt Prinzenwahl und Ordensverleihungen lustig finden, beweist ein kurzer Blick in die Statistik: So gibt es etwa allein in Vorarlberg 81 aktive Gilden, in der Bundeshauptstadt hingegen nur magere fünf. Woran das liegt? Der Kaiserin Maria Theresia die Schuld in die Schuhe zu schieben, scheint in dem Zusammenhang nicht ausreichend. Zwar stimmt es schon, dass die Erzherzogin einst das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit verboten hatte - mit der Folge, dass die Faschingsfeste von den Straßen verschwanden und in die Wirtshäuser und Kellerstuben verlegt wurden. Verdrängt wurde das vulgäre Narrentreiben allerdings erst mit dem Siegeszug der (Masken-)Bälle und Redouten, die sich bis heute in der Bundeshauptstadt großer Beliebtheit erfreuen. Anstatt bunter Mützen und Hosenträger ziehen es die Wiener vor, die Zeit des Faschings zum Ausführen ihrer neuesten Abendgarderobe zu nutzen, während sich die Herren darin gefallen, in der Menge mit goldenen Orden und Verdienstzeichen zu glänzen. Glaubt man dem Wiener Etikette-Experten Thomas Schäfer-Elmayer, fühlten sich viele Ballbesucher in diesem Aufzug offenbar ausreichend "verkleidet".
Nichts für "noble Wiener"
Daran, dass viele Wiener die Witze ihrer Faschingsgilden schlichtweg unlustig finden, glaubt auch der Soziologe Roland Girtler. "Der Wiener hat ja seine Bälle, für was braucht er da noch das Theater?", betonte er gegenüber der "Wiener Zeitung". Noch dazu, wo doch die Tradition der modernen Umzüge und Faschingssitzungen aus dem deutschen Ausland, aus Köln und Mainz, nach Österreich importiert wurde. Für den "noblen Wiener" sei das nichts, ist der frühere Universitätsprofessor überzeugt.
Dass das Narrentreiben dafür am Land umso beliebter ist, führt Girtler auf die bäuerliche Kultur zurück. "Für die Bauernschaft begann das Jahr im März, wenn die Vorbereitungen für die Feldarbeit abgeschlossen und der Fasching ausgelassen gefeiert wurde." Zum Erhalt der alten Karnevalstraditionen beigetragen hätten auch der Zusammenhalt und die Frömmigkeit der Landbevölkerung, die den Fasching mit Blick auf die bevorstehende Fastenzeit daher vielleicht mehr schätzte als die aufgeklärten Städter, so Girtler.
Fürchtet Rathaus Schmähs?
Die Meinung, dass die Wiener aus diesem Grund weniger lustig seien als die restlichen Österreicher, kann Alexius Vogel von der Meidlinger Faschingsgilde nicht teilen. "Allein bei unserem letzten Umzug am Faschingssamstag haben wir 20.000 Besucher gezählt", erklärte er stolz, gab aber im gleichen Atemzug zu, dass es um die Gilden in Wien derzeit nicht allzu gut bestellt sei. Von fünf Gruppen seien nur noch drei aktiv, die allerdings mangels finanzieller Unterstützung der Stadt bereits ums Überleben kämpfen würden, klagte Vogel. Offensichtlich habe die Gemeinde kein Interesse, von ihren Narren durch den Kakao gezogen zu werden. Und: "Wenn wir auch so gut gefördert würden wie die Villacher Gilden, dann könnten wir auch in Wien etwas ganz Tolles herstellen", glaubt der Gildenvertreter.
Geht es nach ihm, könnte etwa die Etablierung eines "Wiener Faschings" in Form einer vom ORF übertragenen Sitzung in der Wiener Stadthalle der Bundeshauptstadt wirtschaftlich nutzen. Erste Tipps für sein neues Projekt hat sich Vogel bereits in der Vorwoche beim Faschingstreiben in Villach geholt, wo er - allerdings als einziger Gastgilde aus Wien - in der Sendung "Narrisch guat" mitwirken durfte. Der Witz des Meidlingers dürfte bei den Wienern im Publikum gut angekommen sein. Mögliches Motto? "Lei, mei!"