
Wien/Graz. Ab 1000 Metern gilt auf dem Berg das Du-Wort. Sagt man. Nicht anders sehen das auch die Kletterer. Nur mit einem Unterschied: Was für den Alpinisten die Seehöhe ist, ist für den Kraxler die Kletterfläche, auf der er sich fortbewegt. 1000 Quadratmeter sind nicht schlecht - nur in eine echte Felswand "einsteigen", das trauen sich die wenigsten.
Weswegen heute mehr in städtischen Kletterhallen als in freier Natur geduzt wird. Denn seit dem Aufkommen des Indoor-Kletterns vor mehr als zehn Jahren hat der Vertikalsport in Österreich einen regelrechten Boom erlebt. 14 Kletterhallen in acht Bundesländern gibt es bereits, die größten davon in Wien, Linz, Dornbirn und Graz. Die Masse der Kletterbegeisterten ist bunt gemischt. War der Sport früher noch eine Domäne männlicher Profis, so zählen Frauen heute selbstverständlich zum Stammkundenstock einer jeden Kletterhalle. Nicht zu vergessen die Pensionisten, für die oft eigene Kurse mit "Seniorenklettern" angeboten werden - oder auch Jungfamilien, Jugendliche und Kinder.
Für letztere Zielgruppe hat sich unter anderem das City Adventure Center in Graz etwas einfallen lassen und richtet neben Meisterschaften auch "Familientage" mit Gratis-Eintritt und betreuten Kletterstationen für Nachwuchskletterer ab 5 Jahren aus. Dabei stellen sich die Kinder nicht ungeschickt an, was wiederum die Erwachsenen erstaunen lässt. "Die Kleinen sind so gut, da kriegst Komplexe", schildert die Grazer Hobby-Klettererin Barbara H. der "Wiener Zeitung". Wie sie selbst zum Klettern gekommen ist? Ein Freund, Freiwilliger bei der Bergrettung, habe sie "zum Kraxeln mitgenommen" und in der Folge für den Sport begeistern können, erzählt sie. "Ich finde es sehr entspannend, außerdem sind die Leute gemütlich und es gibt keinen Stress." Am liebsten hängt die 21-Jährige in sogenannten "Boulderwänden", wo ohne Seil geklettert wird und fallende Kletterer sicher auf Matratzen landen. "Da kann man gut die Technik üben, außerdem spart man sich die Seilausrüstung, weil die ist teuer." Rund 150 Euro hat Barbara H. in Klettergurt, Schuhe und Karabiner investiert. Leistbar ist auch der Eintritt zur Kletterhalle: Ein Zehntages-Kartenblock im City Adventure Center kommt auf 80 Euro.
Nur zwei Hallen in Wien
Von einem "wissenschaftlich verlässlich untermauerten Trend, der seit vielen Jahren anhält", spricht auch Peter Zellmann vom Wiener Institut für Freizeitforschung. Er führt den Boom beim Klettersport auf drei Grundtrends zurück: Die Menschen wollen demnach ihre Freizeit sinnvoll gestalten und etwas Außergewöhnliches erleben - und das am besten auch noch in der freien Natur. "Es geht um eine positive Ich-Findung, wo man sich einmal selbst wichtig nimmt und die Herausforderung sucht", sagt der Experte im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Denn im Unterschied zum herkömmlichen Freizeitkonsum seien im Klettersport Teamarbeit, Kreativität und Leistung gefragt. "Hinzu kommt, dass Klettern günstig und der Kletterer dank Indoor-Kletterhallen zeitlich sowie auch räumlich ungebunden ist", betont Zellmann. "Das ist vor allem im urbanen Bereich die ideale Kombination."
Spricht man mit Kletterhallenbetreibern, so bekommt man dort kaum Klagen zu hören. Auch wenn die Reinigungs- und Personalkosten hoch sind, so verspricht man sich aufgrund des anhaltenden Trends in den kommenden Jahren ebenfalls gute Geschäfte. Dabei gilt besonders die Bundeshauptstadt, was die Kletterhallen-Infrastruktur betrifft, als unterbesetzt. Denn neben der Kletterhalle Wien bietet einzig das Edelweiss Center im ersten Gemeindebezirk ausgiebige Kletterfreuden - und mit 1000 Quadratmetern die österreichweit größte Boulderwand. Die Einzige, wo geduzt werden kann. Zumindest formell.