
Wien. In der hochgestelzten Eingangszone an der Landstraßer Hauptstraße, schräg gegenüber dem Hilton-Hotel, wird schon die plastische Zierdecke montiert. Esther Stocker, Wiener Jungmeisterin in skulpturaler Wandgestaltung, hat sie entworfen. Mit dem nächsten Schritt in die Tiefe der Baustelle öffnet sich eine Halle, drei Stockwerke hoch: ein schräggestelltes Oval unter einem Glasdach. Die rundumlaufenden Balkonbrüstungen in zwei Etagen des Einkaufszentrums sind computergezeichnete Feinarbeit in Sichtbeton. Auch das Rolltreppenpaar gewinnt seine Eleganz aus Drehkörperformen, die Symmetrien und rechten Winkeln hohnlachen. Von der Decke wird ein Sieben-Meter-Aluguss-Hohlkörper hängen: das letzte Werk der New Yorker Bildhauerin Louise Bourgeois vor ihrem Tod 2010.
Die Begrüßungshalle von "Wien Mitte" will sagen: Hier wird auch Baukunst verkauft. Die Büros "Ortner & Ortner" und Heinz Neumann zeichnen dafür verantwortlich, für die Detailarbeit mehr Ortner. Das Büro "Henke und Schreieck", das 2003 den Wettbewerb gewonnen hat, ist nicht mehr dabei. Sein Grobkonzept ("Blockrandverbauung") ist geblieben, eine Ultima Ratio nach Beschränkung der Gebäudehöhen auf die dem Unesco-Weltkulturerbe Wien-City noch erträglichen 30 Meter samt 70-Meter-Turm.
Dieses Hochhaus in der Form eines "Skischuhs" ist damit niedriger als das Justiz-Hochhaus an der Marxergasse nebenan. Es belastet nur wenige Sichtachsen. Auf der Landstraße stadteinwärts geblickt markiert es formschön die Bezirksgrenze, verstellt aber nichts. Aus der Rosenbursenstraße stadtauswärts geschaut bildet es mit seinem höheren Zwilling ein Bezirks-Gate. Am ärgsten drückt der Skischuh, wenn der Blick vom Fuß des Uniqa-Towers an der Urania vorbei über den zuckerbarocken Dachaufsatz des alten Regierungsgebäudes an der Vorderen Zollamtsstraße streift.
Die von Bürgerinitiativen, Unesco und Protesten der denkmalschützenden Fachwelt vor zehn Jahren erzwungene Höhenreduktion brachte die Ertragskalkulationen der Bauherren ins Wanken. Darum wurde die betonlastige Front an der Invalidenstraße nicht abgerissen. Die Markthalle zu ebener Erde wird wieder eingeräumt. An der Hauptstraße stößt dieser Altbau - genauer: der rasch gealterte Neubau von 1979 - an die aufgeständerte, in den Straßenraum vorgezogene Hauptfassade mit ihrem anmutigen blau-grau-grünlichen Farbenspiel auf geschoßhohen schmalen Glastafeln zwischen schlanken Haltestegen. Konträres Design im Zusammenprall! Die Stoßfuge dazwischen wurde zur heikelsten, peinlichsten Zone des ganzen Projekts und ist noch nicht gestaltet.