"Wiener Zeitung":Laut Mercer-Studie ist Wien die lebenswerteste Stadt der Welt. Darf sich aber Wien als Großstadt bezeichnen, wenn um 19 Uhr die Rollbalken heruntergelassen werden?
Cornelia Ehmayer: Das hängt mitunter von der Größe der Stadt und der Kultur ab. Berlin ist zum Beispiel deutlich größer als Wien. Und Barcelona hat ein sehr aktives Nachtleben, was wiederum Teil der südlichen Kultur ist - dort hält man sich einfach viel mehr im Freien auf. Als Metropole gilt Wien angeblich ohnehin nicht mehr. Da müssten wir schon mehrere Millionen Einwohner mehr haben. Aber ich würde sagen, dass für eine Großstadt die Grenze bei einer Million Einwohnern liegt. Der Ladenschluss um 19 Uhr ist für Shopping schon sehr früh, aber jede Stadt hat einfach ihren eigenen Charakter. Venedig zum Beispiel ist keine Großstadt, noch viel extremer mit den Öffnungszeiten - und trotzdem weltbekannt.
Ist es die Wiener Gemütlichkeit, die diese "Ruhe" in der Stadt ausmacht?

In Wien findet alles eher drinnen statt. Wir haben nicht die Tradition, öffentliche Plätze für uns zu nutzen. Es gibt natürlich schon Clubs, die bis vier Uhr Früh offen sind. Aber durchgehend einkaufen war bei uns eigentlich nie ein sehr großes Thema - und der Sonntag ist den Österreichern ohnehin heilig. Bei uns übernimmt hier die Gewerkschaft schon fast das Katholische.
Und man darf nicht vergessen, dass es in Wien schon einzelne Tourismus-Orte gibt, wo es Sonderregelungen gibt. Aber da müssen sich eben die Tourismus-Orte anpassen. Und das mögen die Wiener nicht. Da sind sie sehr selbstbewusst und sagen: Wien ist eh super, da müssen sich halt die Touristen anpassen, wenn ihnen was zuwider ist.
Das heißt, die Spanier sind anpassungsfähiger?

Die Spanier waren eine Zeit lang Wien deutlich voraus in Sachen öffentliche Plätze, öffentlicher Raum. Vor 10, 15 Jahren ist man nach Barcelona gefahren, um zu schauen, wie die ihren öffentlichen Raum gestalten und beleben. Dass in den spanischen Städten die Geschäfte so lange geöffnet haben, ist eher wieder eine Frage der Mentalität. In Italien ist man schließlich auch nicht so freizügig.
Und was ist dann zum Beispiel mit Berlin?
Berlin ist die einzige europäische Stadt, die wirklichen Metropolen-Flair hat. Und Berlin ist die Stadt, die bereits seit 20 Jahren als jung, offen und dynamisch gilt. Diese Worte wendet man für Wien sicherlich nicht an. Auch Hamburg ist hier viel konservativer. Und London pulsiert auch nicht dauernd. Berlin ist hier sicherlich eine Ausnahme.
Also wird es nichts mehr aus der Partymetropole Wien?
Ganz so ist es nicht - es gibt schon eine junge Szene, die ich als dynamisch bezeichnen würde. Aber je älter sie werden, desto mehr halten sich die Wiener zum Beispiel beim Heurigen auf. Vor kurzem hat mir ein noch nicht so alter Mensch gesagt: Der Wiener ist nicht gerne draußen. Der Wiener sitzt lieber im Beisl. Und ich finde, das trifft es ganz gut.
Schließlich kommt auch die Psychoanalyse aus Wien - und die bedeutet eine Wendung nach innen. Außerdem wurden die Wiener noch vor 20 Jahren bestraft, wenn sie sich im Burggarten auf die Wiesen gelegt haben. Wenn alles so streng reguliert ist, nimmt sich auch keiner viel Raum. Und ich fürchte, daran wird sich nicht viel ändern.
Was macht nun also eine Großstadt aus?
Ich würde sagen: ein unverwechselbarer Charakter. Und den hat Wien - aber nicht wegen der Geschäfte oder der Partyszene. Jeder hat ein Bild von Wien - aber touristisch gesehen hat das oft eben auch mehr mit Sisi, Schönbrunn und Johann Strauß zu tun. Ob einem das gefällt oder nicht, ist eine andere Geschichte.
Zur Person
Cornelia Ehmayer
ist Gründerin und Leiterin der Stadtpsychologischen Praxis Ehmayer (www.stadtpsychologie.at).