• vom 14.08.2012, 12:39 Uhr

Stadtleben

Update: 14.08.2012, 12:53 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Wissenschaftlicher Spaziergang durch Wien

Der forschende Blick



  • Interdisziplinärer Ausflug mit Geologen, Landschaftsarchitekten und Wildtierforschern.

Der wissenschaftliche Blick auf den Minoritenplatz vor dem Wissenschaftsministerium zeigt: Hier ist ein Stück Waldviertel. - APAweb / Barbara Gindl

Der wissenschaftliche Blick auf den Minoritenplatz vor dem Wissenschaftsministerium zeigt: Hier ist ein Stück Waldviertel. APAweb / Barbara Gindl

Wien. Geht man mit den Augen eines Wissenschafters durch die Stadt, entdeckt man mehr: etwa die bildhauerische Darstellung des Pesterregers auf der Pestsäule am Wiener Graben; man erfährt, wo das Granit für das Kopfsteinpflaster in der Inneren Stadt herkommt oder entdeckt sogar einen Dachsbau mitten im Augarten. Dass es Wissenschaftern oft schwer fällt, ihren forschenden Blick abzulegen, wenn sie sich durch die Bundeshauptstadt bewegen, zeigte sich am Montag Abend bei einem vom Wissenschaftsministerium organisierten interdisziplinären Stadtspaziergang mit Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP).

"Wir stehen hier auf einem Stück Waldviertel", erklärt Thomas Hofmann von der Geologischen Bundesanstalt (GBA) vor dem Wissenschaftsministerium am Minoritenplatz. Der Granit, auf dem die Wissenschafter und Journalisten stehen, ist laut seinen Ausführungen weit über 300 Millionen Jahre alt. Bedeutend jünger, nämlich etwa zwölf bis 15 Millionen Jahre, ist hingegen der heimische Kalkstein, aus dem Teile der gegenüberliegenden Minoritenkirche erbaut wurden. Die kleinen Löcher und Brüche im Gestein waren einmal Muscheln, ein Hinweis auf die geologische Vergangenheit, als das Wiener Becken noch Meeresgrund war. Den "geologischen Blick" kann Hofmann auch bei privaten Spaziergängen "nicht abstellen", wie er im Laufe des erstmals durchgeführten wissenschaftlichen Abendspaziergangs erklärt - er ist nicht der einzige Forscher, dem es so geht, das wird von Station zu Station klarer.

Die GBA arbeite aber nicht nur an der vollständigen Katalogisierung heimischer Gesteinsformationen, deren Entstehung lange zurück liegt, auch in Katastrophenfällen ist man an Ort und Stelle, so GBA-Direktor Peter Seifert. Im steirischen Katastrophengebiet in und um St. Lorenzen waren die Wissenschafter kürzlich acht Tage durchgehend im Einsatz. Einerseits um die aktuelle Gefahr für Hangrutschungen abzuschätzen und andererseits, um zu klären, wann die Bewohner wieder zurückkehren können.

Götterbaum beim Stephansdom
Der Boden im dicht verbauten Wien besteht dagegen großteils aus Stein und Asphalt. In den Fugen zwischen den Pflastersteinen nisten sich aber Pflanzen ein. 15 Arten sind es, die sich unter widrigen Umständen immer aufs Neue ausbreiten, wie der Biologe Friedrich Ehrendorfer von der Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt. Im Gegensatz zu den Geologen kartiere man die heimische "Lebenswelt" und damit auch die Pflanzenarten, die ursprünglich in Österreich nicht heimisch waren, wie der aus China stammende Götterbaum, der an der Flanke des Stephansdoms wächst und bereits eine stattliche Höhe erreicht hat.

An der Pestsäule weist der Botaniker und Paläontologe auf eine Skulptur hin, die den Pesterreger darstellt. Im 17. Jahrhundert konnte die Krankheit lediglich künstlerisch dargestellt werden, die Welt der Bakterien hatte sich der Wissenschaft noch nicht erschlossen. Den interessierten Blick des Forschers konnte auch Minister Töchterle nicht ganz ablegen. Als Altphilologe kam er nicht umhin, eine der lateinischen Inschriften auf dem nach der Pestepidemie von 1679 errichteten Mahnmal zu übersetzen.

Mehr Wildschweine und Füchse
Unerwartetes Betätigungsfeld finden auch Wildtierforscher mitten in der Großstadt: Es lassen sich nämlich immer mehr Wildtiere nieder - so auch auf der anderen Seite des Donaukanals, im Augarten. Vor einem Dachsbau in der Gartenanlage erklärt Walter Arnold vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien, dass vor allem auch Wildschweine und Füchse den städtischen Raum vermehrt für sich entdecken. Die neue Lebensumgebung verändere auch das Verhalten der Tiere. Die sonst eher einzelgängerischen Füchse, würden in der Stadt, ähnlich wie Wölfe, Rudel bilden. In ihrem angestammten Lebensraum brauchen Wildtiere aber vor allem Rückzugsräume und Ruhe, wie der Forscher betont. Bei Einbruch der Dunkelheit ist der Augarten fast menschenleer und dann finden auch die Dachse die nötige Ruhe für ihre nächtlichen Aktivitäten. (apa)




Schlagwörter

Stadtspaziergänge

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-14 12:40:42
Letzte Änderung am 2012-08-14 12:53:42


Beliebte Inhalte



Die Stadthalle verliert das Stadthallenbad - zumindest organisatorisch. - APA/HERBERT NEUBAUER
  • Künftig als Kapitalgesellschaft an den Wien-Holding-Konzern angebunden.
  • weiter

Am Matzleinsdorfer Friedhof wurde Förster begraben. Sein Grab ist heute aufgelassen. - Gruntzel
  • Förster steht heute im Schatten von Theophil Hansen und Otto Wagner.
  • weiter

Sie schauen hinunter - weil sie auf dem höchsten Gebäude des Landes stehen. - Rösner
  • Die Stadtspitze resümierte auf dem DC-Tower über 2,5 Jahre Koalitionsarbeit.
  • weiter

Auch wenn das Hochwasser zurückgegangen ist: Durch die Flutung der Neuen Donau könnten Keime aus überschwemmten Kläranlagen im Wasser sein. Das Badeverbot bleibt daher noch aufrecht. - APAweb / EPA / Roland Schlager
  • Schwimmen möglicherweise ab Donnerstag wieder erlaubt.
  • weiter

Diesen Fahrradsattel hat sich eine Bienenkönigin ausgesucht - das Volk folgte. - MA 68 Lichtbildstelle
  • Bienenvolk eroberte Fahrradsattel im 9. Bezirk für sich.
  • weiter

Kindergarten ab eins und Ganztagsschule: für Brandsteidl die beste Lösung. - Radule Bozinovic/KOSMO
  • Stadtschulratspräsidentin hält Trennung von deutsch- und nichtdeutschsprachigen Kindern für wenig sinnvoll.
  • weiter

Erwerb der Erstsprache ist mit Schuleintritt noch nicht abgeschlossen. - Stanislav Jenis
  • An vielen Schulen ist es Kindern untersagt, ihre Erstsprache zu sprechen.
  • weiter

Präzision und Eleganz lassen bei den Pferden zu wünschen übrig, kritisieren Insider. - apa
  • Belegschaft fürchtet um Qualitätsverlust der Traditionsinstitution.
  • weiter

Zu Obdachlosen und Bettlern wurden die Stadttauben degradiert, meinen Tierschützer. - dpa
  • In Meidling traf sich das Who is Who der deutschsprachigen Taubenlobby.
  • weiter

Michael Cramer will den Fahrradtourismus fördern . - Bernold
  • Die Aufregung um das Rad-Thema wird laut Experten bald verschwinden.
  • weiter




Werbung




Schwere Unwetterschäden nach einem Murenabgang im Ortskern von Hallstatt aufgenommen am Mittwoch, 19. Juni 2013. Nach einem heftigen Unwetter ist der Mühlbach über die Ufer getreten wobei eine Mure den Ortskern von Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut beschädigt hat.

Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk. Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt.

18.6.2013: Heute herrscht in Österreich wieder Badewetter: Über 35 Grad Celsius werden erwartet. Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück.

Werbung