Wien. "Ma voll arg, was der anhat", sagt eine Jugendliche in einem Café in der Mariahilfer Straße zu ihrer Freundin, kichert und zeigt auf Patrick am Nebentisch – beziehungsweise das, in dem er steckt. Ein eng anliegender, froschgrüner Ganzkörper-Anzug, der ihn vom Scheitel bis zur Sohle umhüllt: ein Morphsuit.
Das figurbetonende Kostüm aus "Spandex" – einer extrem dehnbaren Kunstfaser – entsprang vor drei Jahren einer Idee schottischer Studenten, die sich offensichtlich an der japanischen Ganzkörper-Strumpfhose "Zentai" orientierten. Derzeit boomt es auch in Österreich, innerhalb kürzester Zeit erreichte es Kultstatus und sorgt bei jenen, die Morphsuiter durch die Straßen schlendern sehen, für verblüffte Gesichter.
Passanten reagieren positiv
So auch Patrick, der das Gekichere und Getuschel gelassen nimmt. Erst, als ein Bub im Kinderwagen bei seinem Anblick zu weinen beginnt, hebt er beschwichtigend den Arm. Der Bub weint noch mehr, die Mutter schiebt den Wagen hastig weiter. Ansonsten bleiben die Reaktionen positiv, manche lachen, zücken die Kamera oder rufen Patrick zu: "Cool!" Dieser schwitzt indes in seinem Kunstfaser-Kostüm und nippt an seinem Wasserglas.
Kaffeetrinken ist beim Morphsuit nämlich eher ungünstig und Zeitunglesen funktioniert auch nicht wirklich gut. "Kaffee macht Flecken, und das Durchschauen ist auf Dauer anstrengend", räumt Patrice Fuchs, Inhaberin des "Popshops", ein. Ebenfalls schwierig: Der Besuch der Toilette. In Fuchs Geschäft in Wien-Mariahilf gibt es Morphsuits in allen Größen und Farben – um rund 40 Euro. Die meisten Käufer sind laut Fuchs 20- bis 30-jährige Männer, pro Monat verkauft sie bis zu 100 Stück. "In" sei derzeit auch, den Anzug mit einer Sonnenbrille aufzupeppen.

Welche Menschen sind es nun, die in Morphsuits schlüpfen, welche Philosophie steckt dahinter? "Keine", meint Patrick beim Verlassen des Cafés, "wir sind einfach nur Freaks." Psychotherapeut Robert Koch vermutet allerdings mehr dahinter: "Der Träger stellt seinen Körper detailgenau zur Schau, versteckt sich aber auch – das hat schizophrene Züge." Eine mögliche Gefahr dabei: "Mit der Anonymität der Verkleidung könnte ein Stück seiner krankhaften Persönlichkeit, die sonst nie ausgelebt werden kann, herauskommen." Was bedeute, dass Träger brutal oder kriminell werden könnten. Vorfälle dieser Art sind bei Morphsuitern noch nicht bekannt. Was mitunter daran liegen könnte, dass sie zwar anonym, aber auch nicht zu übersehen sind.