• vom 12.09.2012, 17:35 Uhr

Stadtleben

Update: 12.09.2012, 17:53 Uhr
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"Du musst schon sehr leidensfähig sein"


Von Barbara Dürnberger

  • Gemeinsames Fußballschauen mit dem Gegner.

Wien. Es ist noch früh am Abend - gerade läuft das ORF-Porträt von David Alaba über die Screens. Die ungefähr 30 Tische sind noch spärlich besetzt. Ein einsamer deutscher Fan nimmt an einem der Tische Platz. Eine Prognose über den Spielausgang will er nicht abgeben, und auch sonst ist er nicht sehr redselig. Lieber will er sich in Ruhe das Spiel anschauen und sein Bier genießen.

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Wie bei fast allen großen Fußballereignissen hat das Chelsea am Lerchenfeldergürtel, das unter Fans als Pionier in Sachen Live-Übertragungen gilt, eine kleine Fußballmeile vor und im Lokal errichtet. Während der Gürtel noch von den Analysen von Herbert Prohaska beschallt wird, füllt sich der Gastgarten sehr schnell. Binnen weniger Minuten sind sämtliche Tische besetzt und Bierflaschen dekorieren, überproportional zu ihren Besitzern, die kleine Fußballzone vor dem Chelsea. Die ersten obligatorischen Diskussionen um besetzte oder nicht besetzte Sessel beginnen, enden jedoch schnell wieder mit einem kurzen "Na Oida, dann setz’ ich mich halt auf den Boden."

Ansonsten läuft es hier überaus zivilisiert ab. Allerdings finden sich auch nur wenige deutsche Fans ein. Erst als das erste Tor kurz vor der Pause fällt, machen sie sich bemerkbar, klatschen und freuen sich mit "ihren Jungs". Die Österreicher gönnen ihnen die Freude - man reagiert gefasst und nach einigen gen Himmel gerichteten Kraftausdrücken entschließt man sich, lieber für Nachschub zu sorgen und begibt sich an die Bar.

"Rivalität gehypt"
"Das ist halt das typische Piefke-Massel. Wir haben wirklich gut gespielt, brav mitgehalten, hatten viele Chancen und liegen trotzdem zurück", analysiert Österreich-Fan Jakob in der Pause. "Bei solchen Spielen ist es doch immer so wie David gegen Goliath. Aber es macht einfach Spaß", befindet der 23-Jährige. Stolz trägt er heute sein Trikot von der WM-Qualifikation 1998. Die oft erwähnte Rivalität gegenüber Deutschland versteht er nicht so ganz. "Mein bester Freund ist Deutscher, und ich muss sagen, bei Großereignissen halte ich auch immer zu den Deutschen", sagt er - und ergänzt dann ein wenig wehmütig: "weil Österreich ja auch nie dabei ist."

Die zweite Halbzeit stellt die Österreich-Anhänger dann auf eine harte Probe. Beim Elfmeter für Deutschland befinden sich die Schmipftiraden auf ihrem absoluten Höhepunkt. Doch wieder richtet sich die Wut der Österreicher nicht gegen die Deutschen, sondern vor allem gegen den "unfähigen Schiedsrichter", der "seine Ausbildung sicher an einem halben Tag bei Humboldt abgeschlossen hat". Beim Anschlusstreffer bebt schließlich der gesamte Gürtel - der noch zulässige Dezibel-Bereich wird bei dem Torjubel bestimmt um ein Vielfaches überschritten. Und im Gastgarten beginnt das große Beten und Bangen. Geholfen hat es offenkundig nicht, und so verlassen die meisten nach dem Schlusspfiff fluchtartig das Lokal. Auch Jakob macht sich auf den Heimweg und resümiert knapp und nüchtern: "Aus deutscher Sicht würde ich sagen - Österreich hat mal wieder verkackt. Aber so richtig." Wirklich niedergeschlagen ist er jedoch nicht: "Als Österreich-Fan musst du vor allem in einer Sache gut sein: Du musst sehr leidensfähig sein." Mittlerweile ist auch sein bester Freund Marcel, ein Deutscher, dazugestoßen. Der 30-Jährige ist froh, dass sein Team heute gewonnen hat, denn "wenn Österreich heute einmal gewonnen hätte, müsste ich mir das die nächsten Jahre ständig anhören". Angesprochen auf die herrschende Rivalität im Fußball zwischen Deutschland und Österreich reagiert er wie die meisten am heutigen Abend: "Den Deutschen ist das alles ziemlich egal, da wird medial doch einiges gehypt." Und lässt man den heutigen Abend noch einmal Revue passieren - man wäre fast dazu verleitet, ihm zu glauben. Aber eben nur fast.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-12 17:23:08
Letzte Änderung am 2012-09-12 17:53:53


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