Wien. Eigentlich wollte er ja Künstler werden, Sänger und Komponist, um genau zu sein. Doch daraus ist nichts geworden.

"Die Umstände waren nicht danach", erzählt Martin Katz lapidar. Also entwickelte er andere Talente - als Schwarzmarkthändler, als Importeur und Exporteur im Chaos der Nachkriegsjahre, als Gastronom und schließlich doch noch als Theaterleiter. Der Titel "Meine neun Leben" für seine Autobiografie erscheint da nicht einmal hochgegriffen. Im Schnelldurchlauf liest sich dieses Leben ungefähr so: Geboren 1919 im damals rumänischen, heute zur Ukraine gehörenden Wischnitz; 1927 kam die jüdische Familie nach Wien; bis 1943 überlebte er als Einziger seiner Familie als "U-Boot" in Wien den Nazi-Terror; anschließend Flucht nach Rumänien; 1945 Rückkehr ins zerstörte Wien; Aufstieg zum gefeierten Prominentenwirt und Theaterdirektor im München; finanzieller Ruin dank falscher Freunde, schließlich die endgültige Rückkehr 1995 nach Wien.
Aufgewachsen im 2. Hieb
Was für ein Leben, beängstigend und eindrucksvoll zugleich - und dabei sind seine große Liebe, zwei unglückliche Ehen, die Geburt seiner Kinder sowie zahllose Liebschaften noch gar nicht mitgezählt. Was lernt man nach einer solchen Achterbahnfahrt des Lebens über die Menschen?
"Der Mensch ist kein guter, das muss ich leider nach all meinen Erfahrungen sagen", erzählt Katz im Wohnzimmer seiner hellen, geräumigen, mit Büchern und Bildern ausgestatteten Wohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk. "Die große Masse ist leider so leicht verführbar, so leicht ins Unglück zu stürzen - und das offenen Auges. Und besonders, wenn man jemandem etwas Gutes getan hat, wird er eines Tages zum Feind." Katz erzählt das ohne große Emotion, fast nüchtern-analytisch - und nur ein paar Gassen von jener Wohnung entfernt, aus der die Familie von den Nazis vertrieben wurde.
Also Misanthropie, Menschenhass, als einziger Ausweg? "Nein, auf keinen Fall!", widerspricht der höchst agile 94-Jährige energisch. "Meine Kinder, vor allem meine Enkel habe ich genau das Gegenteil gelehrt, dass sie helfen sollen, wo sie helfen können." Katz hofft dabei auf "eine neue, hoffentlich klügere Generation"; die seinige musste die schlimmsten Erfahrungen machen mit sogenannten Freunden und Nachbarn. Ganz plötzlich, von einer Stunde auf die nächste: "Es ist unbeschreibbar, was sich schon in den ersten Stunden nach der Rede Kanzler Schuschniggs am 12. März 1938 zugetragen hat. Was in Deutschland in fünf Jahren (von 1933 bis 1938; Anm.) ungeschehen blieb, passierte in Wien in den ersten Stunden nach dieser Rede."
"Jude, ja, aber nicht gläubig"
Die Juden hätten nicht sehen wollen, was auf sie zukommen wird - "zu viel Optimismus kann ein großer Fluch sein". Das hat Katz allerdings nicht davon abgehalten, "ein Optimist mit gegenteiligen Erfahrungen" zu bleiben.
Dazu ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, dass er ursprünglich "mit zwei Maschinengewehren unter dem Arm" nach Wien zurückkehren wollte, "um Vergeltung an all jenen zu üben, die mich ins Verderben stürzen wollten". Als er dann 1945 tatsächlich zurückkehrte und all die Zerstörung, das Elend und die Armut der Menschen sah, so erzählt er heute, seien diese Rachegedanken wieder verflogen: "Mit Hass kann man schwer leben, es geht leichter ohne." Heute ist Wien für ihn eine hervorragende Stadt zum Leben geworden. Heute.
Mit Gott hat Katz während all seiner Schicksalsschläge nicht lange gehadert. "Ich bin kein gläubiger Mensch, ich bin Jude, das ja und vollen Bewusstseins, aber ich bin keiner, der die 613 Gesetze des Judentums einhält." Lieber beschreibt er sich als Mensch mit sozialer Gesinnung.
"Mehr ist nicht möglich"
Heute, hochbetagt, strahlt Martin Katz jene Ruhe aus, die ihm das Leben und er sich selbst so lange verweigerte: "Ich musste versuchen, weiterzuleben, wollte unbedingt wieder eine Familie gründen, nachdem meine ganze Familie ermordet wurde. Heute habe ich zwei wunderbare Kinder und vier wunderbare Enkelkinder." Rundum glücklich sei er. "Mehr ist nicht möglich."