
"Wiener Zeitung": Wie sehr beeinflussen unsere Nachbarländer unsere Sprache?
Robert Sedlaczek: Österreich, und auch Wien, liegt am Rand des deutschen Sprachraums. Wir sind umgeben von Ländern, die eine andere Sprache sprechen. Deshalb gibt es im Wienerischen viele Lehnwörter aus dem Ungarischen, Slowakischen, Tschechischen und Italienischen.
Woran bemerkt man sprachliche Konflikte innerhalb Österreichs?
Ich sehe das nicht so, glaube nicht, dass es zwischen den Mundartsprechern Konflikte gibt. Ein Tiroler versteht einen Wiener und umgekehrt, wenn der Wille da ist. Es geht ja auch nicht darum, alle Wörter zu verstehen. Selbst wenn ich ein Wort nicht verstehe, dann begreife ich aus dem Kontext, was gemeint ist.
Können Sie ein Beispiel geben?
Mein aktuelles Buch "Wiener Wortgeschichten" hat im Untertitel den Ausdruck "Pflasterhirsch". Das kann ein Polizist auf Fußstreife sein, eine Prostituierte, aber auch ein Stadtmensch. Im Einzelfall ergibt sich aus dem Zusammenhang die Bedeutung.
Wie gut lassen sich die Dialekte voneinander abgrenzen?
Das Wienerische ist schwer abzugrenzen, weil es auch in die angrenzenden Bundesländer ausstrahlt. Außerdem inhaliert der Wiener Ausdrücke von anderen Mundarträumen und macht sie sich zu eigen. Jeder Wiener glaubt, das Wort "Fisimatenten" ist wienerisch, dabei ist es in Deutschland entstanden und überall in Gebrauch. Das Wort "Netsch" (= kleine Geldsumme) ist tirolerisch, aber der Wiener hat sich eine ungarische Etymologie zurechtgelegt und meint, es ist hier entstanden.
Gibt es Kommunikationsprobleme zwischen Deutschen und Österreichern?
Es gibt so etwas wie Sprachekel, zum Beispiel von Österreichern gegenüber den Norddeutschen und umgekehrt. Die Deutschen haben jedoch weniger Kontakt zur österreichischen Sprache. Wir hingegen übernehmen auch viele norddeutsche Ausdrücke, weil wir damit in den Medien konfrontiert werden. Der Ausdruck "lecker" wird zum Beispiel von vielen jungen Menschen als unbedenklich eingestuft und auch verwendet, während die Älteren Sprachekel empfinden.
Wo gibt es noch Sprachekel?
Sprachekel kann auch zwischen der Sprache der Älteren und der Sprache der Jungen bestehen. Die Jugendsprache dient zur Abgrenzung zu den Erwachsenen aber auch zur Abgrenzung der Jugendlichen untereinander. In den einzelnen Jugendszenen werden verschiedene Wörter verwendet. Ein Großteil der Ausdrücke sind Modeerscheinungen, ein Teil davon wird in die Standardsprache übernommen.