• vom 02.10.2012, 17:35 Uhr

Stadtleben

Update: 18.03.2014, 17:34 Uhr

Wohnungssicherungsgesetz sorgt seit Juni für eine Vernetzung der städtischen Stellen

Delogierungen geschehen




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Von Barbara Sorge

  • Die Räumung einer Wohnung der Gemeinde Wien als letztes Mittel.

Wien. Gerichtsvollzieher, Mitarbeiter einer Speditionsfirma, Polizisten und auch Männer der Sondereinheit Wega, die Hausbesorgerin und Mitarbeiter von Wiener Wohnen und des Psychosozialen Dienstes (PSD): Es war eine ungewöhnliche Menschenansammlung, die sich am Dienstag um 8 Uhr in der Früh vor einem Gemeindebau in der Erlachgasse in Wien Favoriten zusammengefunden hatte. Der Anlass war eine Delogierung. Das kommt an sich nicht so selten vor, betraf dieses Mal aber einen komplexen Fall, der den Einsatz psychologisch geschulter Experten notwendig machte.

Nach einem Verfahren, das sich seit 2010 gezogen hatte, musste die betroffene Familie nun ihre Wohnung verlassen. Die Mutter der vierköpfigen Familie war aufgeregt und gab den Nachbarn die Schuld, dass diese wegen ihres behinderten Sohnes sie aus dem Haus haben wollten. Auf die Fragen des Gerichtsvollziehers, ob sie freiwillig gehe, antwortete sie ablehnend, die Polizisten und auch die Mitarbeiter des PSD versuchten daraufhin, sie zu beruhigen - werde der Gerichtsbeschluss zu diesem Termin doch auf jeden Fall vollzogen.

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Rund 1000 Delogierungen im Vorjahr
994 Delogierungen wurden 2011 im Bereich von Wiener Wohnen durchgeführt. Der größte Teil davon (884) wurde aufgrund von Mietzinsrückständen durchgeführt, 67 wegen sogenannten unleidlichen Verhaltens gegenüber der Hausgemeinschaft und 43 Mal wurde eine gerichtliche Räumung wegen "Verlassenschaft" angeordnet. In diesem Fall wurde aufgrund von unleidlichem Verhalten delogiert. In Gang gesetzt wurde das Verfahren, weil sich die Beschwerden bei der Volksanwaltschaft gehäuft hatten und Wiener Wohnen gebeten wurde, tätig zu werden.

Wie im Fall einer Familie mit autistischem Kind, die 2010 delogiert wurde, ist auch in diesem Fall ein junger Mann mit Behinderung betroffen. Laut Auskunft der Mutter hat er Epilepsie, eine Angabe, die man bei Wiener Wohnen und auch beim Fonds Soziales Wien nicht bestätigen kann, da seit drei Jahren kein Organ der Stadt Zugang zu ihm hätte, so Karin Zauner, Sprecherin von Wiener Wohnen. Und Iraides Franz, Sprecherin des Fonds Soziales Wien bestätigt, es gäbe vom Sachwalter des Mannes zwar Anträge auf Behinderten-Hilfe, allerdings sei der notwendige Termin beim Amtsarzt nicht eingehalten worden. Anders als im Fall aus dem Jahr 2010 haben sich die verschiedenen Stellen der Stadt dieses Mal bereits im Vorfeld vernetzt, um eine Lösung zu finden.

Neues Gesetz ermöglicht Austausch
Diese Zusammenarbeit in komplexen Einzelfällen ist seit Juni 2012 möglich. Seither gibt es mit dem Wiener Wohnungssicherungsgesetz die gesetzliche Grundlage, um unter Berücksichtigung des höchsten Datenschutzes einen Austausch zwischen Wiener Wohnen, Fonds Soziales Wien, Magistratsabteilung (MA) 40 (Sozial- und Gesundheitsrecht) und MA 11 (Kinder, Jugend und Familie) zu ermöglichen. So wurde auch dieser komplexe Fall in der Kommission besprochen: "Es gab viele Versuche, sich davon ein Bild zu machen, wo die Probleme liegen, und adäquate Angebote zu machen", so Zauner. "Delogierungen sind das letzte Mittel, man kann ja die Leute nicht herumschieben, damit verlagert sich das Problem ja nur."

In der Erlachgasse wird die Wohnung schließlich geöffnet, die Hausbesorgerin und auch die Mitarbeiter von Wiener Wohnen sind als Zeugen dabei, die Mitarbeiter der Speditionsfirma beginnen mit der Arbeit. Die Mutter ergibt sich schließlich ihrem Schicksal und begleitet ihren Sohn aus dem Haus, gefolgt von ihren beiden Töchtern. Nach rund einer Dreiviertelstunde ist das meiste gelaufen. Nur die Mitarbeiter der Speditionsfirma sind noch eifrig am Werken. Das Delogierungsgut wird in ein Depot am Alberner Hafen verbracht, die vierköpfige Familie kommt vorerst bei der Großmutter unter.



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Dokument erstellt am 2012-10-02 17:51:08
Letzte ńnderung am 2014-03-18 17:34:32




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