Wien. Wenn die WienWein-Winzer Rainer Christ, Fritz Wieninger, Michael Edlmoser, Thomas Podsednik (Weingut Wien Cobenzl) und Gerhard Lobner (Weingut Mayer am Pfarrplatz) heute in dem neben dem Orangeriegebäude bestehenden Jungweingarten zur Lese schreiten und im Anschluss ihr erstes Schönbrunner Weinlesefest abhalten werden, so lassen sie damit eine Tradition aufleben, die es in Schönbrunn schon in der Barockzeit gegeben hatte. Mit dem Unterschied, dass die Akteure anno dazumal aus adeligen, heute aber aus bürgerlichen Kreisen stammen.

Ausgepflanzt wurde der Schönbrunner Weingarten am 11. Mai 2009 unter tatkräftiger Mithilfe der von den WienWein-Winzern geladenen Gäste, darunter Sozialminister Rudolf Hundstorfer und der damalige Wissenschaftsminister Johannes Hahn sowie weitere Personen des öffentlichen Lebens, welche allesamt mit Schurz und Schaufel ausgestattet ihre Rebsetzlinge ins Erdreich vergruben. 487 Rebstöcke wuchsen seither auf dem 1000 Quadratmeter großen Weingarten "Liesenpfennig" heran.
Der Name geht auf einen alten Weingarten zurück, der sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in diesem Bereich befunden hatte und in alten Riedenkarten mit "Liesenpfennig" verzeichnet ist. Die Reben wurden gerodet, um den Pomeranzenbäumen der neuen kaiserlichen Orangerie Platz zu machen.
Die Wiederherstellung des in maria-theresianischer Zeit im Zuge der Schönbrunner Umgestaltungen verloren gegangenen Weingartens erfolgte in Kooperation mit der Betriebsgesellschaft Schloss Schönbrunn, die seit 2009 Verpächterin der Weingartenfläche an die WienWein-Winzer ist. Da sich der Bereich des Schlosses Schönbrunn nicht im Wiener Riedenkataster befindet, war für die Auspflanzung eine Sondergenehmigung erforderlich.
Wiener Gemischter Satz im imperialen Ambiente
Angelegt wurde der Weingarten als "Wiener Gemischter Satz", wobei die Sorten Grüner Veltliner, Riesling, Traminer, Chardonnay, Zierfandler, Rotgipfler, Neuburger sowie Weiß- und Grauburgunder bunt gemischt nebeneinander heranreiften. Nach getaner Arbeit werden die Winzer heute ein Lesefest mit buntem Programm abhalten. Im Frühjahr 2013 wird der vinifizierte Ertrag der Schönbrunner Ernte in rund 450 Flaschen abgefüllt. Der Verkaufserlös wird den SOS-Kinderdörfern zugute kommen.
Weinlesefeste hatte es in Schönbrunn bereits zur Zeit Kaiserin Maria Theresias gegeben. Nachdem Kaiser Franz Stephan von Lothringen 1753 von der Gemeinde Hietzing ein verwildertes Feld gekauft hatte, wurde darauf von dem holländischen Gartenfachmann Adrian van Stekhoven innerhalb eines Jahres der "Holländische Garten" angelegt (in den Jahren 1881/82 wurde an dessen Stelle das heutige Palmenhaus errichtet). Neben anderen Pflanzenarten wurden in diesem botanischen Garten auch Weinreben kultiviert.
Am 23. Oktober 1758 fand dort ein Weinlesefest statt - womöglich handelte es sich dabei um eine Jungfernlese (mithin die erste Lese nach der Auspflanzung). Wie überliefert ist, hatten sich die Weinleser aus dem Kreis der Hocharistokratie in 15 Paare formiert, wobei jeweils ein Herr und seine "Valentine" zusammenarbeiteten. Gekleidet waren alle in Laxenburger Uniform, die Butten waren dem Anlass entsprechend feierlich aufgeputzt. Die Damen und ihre Kavaliere, darunter Kaiserin Maria Theresia, Kaiser Franz Stephan von Lothringen sowie der junge Erzherzog Joseph (nachmals Kaiser Joseph II.), trugen die Butten mit den geernteten Trauben aus dem Holländischen Garten in eine eigens für diesen Zweck errichtete Laubhütte, um sie dort weiterzuverarbeiten. Das Erntegut stammte zum Teil von fremdländischen Reben.
Schönbrunner Weinlesefest der Kaiserin Maria Theresia

Alles in allem pressten die hohen Herrschaften einen halben Eimer roten und etwas mehr als zwei Eimer weißen Wein (1 Wiener Eimer = 58,0204 Liter). Nach getaner Arbeit gab es eine Art Lotterie, wobei allen Leseteilnehmern ein spezieller Preis zuerkannt wurde. Abgeschlossen wurde das Schönbrunner Weinlesefest mit einem gemeinschaftlichen Mahl.
Das kaiserliche Weinlesefest in Schönbrunn war ursprünglich für einen früheren Zeitpunkt angesetzt gewesen, musste aber wegen des nasskalten herbstlichen Wetters auf den 23. Oktober verlegt werden. Insofern kann darauf geschlossen werden, dass der 1758er kein besonderes guter Jahrgang gewesen ist.
Im Vergleich dazu finden die Winzer der WienWein-Gruppe in Schönbrunn bei ihrer 2012er Liesenpfennig-Jungfernlese wesentlich bessere Voraussetzungen vor. Die prognostizierte Saftausbeute der WienWein-Winzer aus dem Liesenpfennig-Weingarten dürfte mit rund 350 Liter etwa doppelt so hoch sein wie jene, die Kaiserin Maria Theresia und ihre Weinleserunde seinerzeit im Holländischen Garten erzielte.