
"Wiener Zeitung": Welche Chancen bietet die Strukturreform der Pfarren in der Erzdiözese Wien?
Paul M. Zulehner: Dass es eine Struktur gibt, die auf die Vielfalt der Menschen, ihre Milieus ihre Lebensverhältnisse besser eingehen kann. Für manche Aufgaben ist es auch besser, wenn sie in größeren Räumen geschehen. Es geht um Optimierung der Seelsorge, nicht um Mangelverwaltung.
Und welche Gefahren bestehen?
Dass ein hohes Gut, das wir derzeit haben, zumindest in der Erzdiözese Wien, gefährdet ist. Nicht nur Kleingemeinden, auch Pfarrgemeinden mit einer längeren Geschichte werden in dreifacher Hinsicht radikal verändert. Man anerkennt nicht mehr rechtlich, dass eine gläubige Gemeinde ein Recht auf Eucharistie, einen Anspruch auf einen Pfarrer - auch wenn es ihn gerade nicht gibt - und auf Finanzhoheit hat. Ich befürchte, die Gemeinden haben das Gefühl, sie werden abgewertet. Das löst wahrscheinlich schweren Widerstand unter den Betroffenen aus.
Ziel meiner derzeit laufenden Online-Umfrage (Anm.: Zugangscode zur Teilnahme via E-Mail: pru5@univie.ac.at) ist, die Leute einzubeziehen, zu schauen, ob sie nicht alternative Ideen haben. Es wäre wichtig, die Leute mitdenken und mitentscheiden zu lassen. Die Vorarlberger lösen zum Beispiel ihre Pfarren nicht auf, sondern machen eigene Klausuren mit den hauptverantwortlichen Pfarrgemeinderäten und laden auch Lokalpolitiker ein, weil es den Orten nicht egal sein kann, ob sie noch eine Pfarrgemeinde sind oder nicht.
Woher kommt das Konzept?
Ich glaube, dass man sehr viel von Frankreich gelernt hat. Der Brückenkopf ist vermutlich die Gemeinschaft "Emmanuel", deren Österreich-Vertreter Otto Neubauer wohl eine der tragenden Kräfte hinter dieser Reform ist. Seine Annahme ist, dass die Pfarrgemeinden am Ende sind, und das hat er auch in einem Referat dem Papst vortragen dürfen.
Welche Folgen erwarten Sie?
Die Bischöfe sagen, wir müssen die Eucharistie aufwerten, aber faktisch werten sie sie ab. Wir fragen jetzt auch in der Online-Umfrage, ob die Leute auch woanders in die Messe gehen würden. Wir wissen schon aus anderen Studien: Die Hälfte der Leute bleibt weg, wenn es vor Ort keine Feier der Eucharistie gibt. Wir beschleunigen gleichsam die Entkirchlichung durch Strukturreformen "von oben". Wie es der Innsbrucker Alt-Bischof Reinhold Stecher einmal klug formuliert hat: Nicht die Leute ziehen sich von der Kirche zurück, sondern die Kirche von den Menschen.
Was sollten die Bischöfe tun?
Ich glaube, dass die österreichische Kirche zurzeit durch die deutschen Bischöfe "links" überholt wird. Die haben jetzt eine Kommission zur Frage der Scheidung und Wiederverheiratung eingesetzt. Also zu einem Hauptthema der österreichischen Pfarrerinitiative. Das wäre also auch in Österreich möglich. Und ein zweites Anliegen der Pfarrerinitiative wird ja jetzt sowieso mit den Strukturreformen diskutiert: Wie kann in gläubigen Gemeinden morgen Eucharistie mit einem verfügbaren Priester gefeiert werden? Und nur um diese zwei Fragen geht es letztlich.
Der jetzige Vorschlag ist eine Steilvorlage für die Pfarrerinitiative. Die muss nur den Unmut, der jetzt vorhanden ist, abschöpfen und politisch ummünzen. Das ist ein unverdienter Erfolg für die Pfarrerinitiative. Mir wäre es lieber, die Bischöfe würden wie die deutschen von sich aus in die Offensive gehen und diese Themen breit diskutieren lassen. Alle Fachleute für Management sagen: Wenn man ohne die Beteiligung der Betroffenen tiefgreifend verändert, wird man scheitern.