Wien. Zum großen Thema Zusammenleben haben seit Mitte April in mehr als 600 Charta-Gruppen jeweils etwa 13 Personen in ganz Wien diskutiert. In rund 10.000 Stunden sind somit zwischen 7000 und 8000 Menschen einander gegenüber gesessen und haben sich über ihre Sorgen, Wünsche und Bedürfnisse in Bezug auf das Zusammenleben in der Stadt ausgetauscht. Bis Sonntag kann noch diskutiert werden. Online ist das zwischen 8 und 24 Uhr möglich, offline gibt es bis dahin noch rund 20 Gespräche an denen jeder, der sich anmeldet, teilnehmen kann, und etwa ebenso viele Gespräche in geschlossenen Gruppen.

Diskutiert wird vor allem über den Themenbereich "Miteinander auskommen". Zu diesem Komplex gehören die Unterthemen "Verhalten im Straßenverkehr und in den öffentlichen Verkehrsmitteln" und "Umgangsformen im Alltag, Rücksicht im Zusammenleben". Der zweite Themenbereich, an dem reger Diskussionsbedarf besteht, ist der Block "Nicht immer dasselbe", in dem die Bereiche "jung und alt", "Deutsch sprechen - andere Sprachen sprechen" und "Ich und die, die anders sind als ich" diskutiert werden. Auch zum Bereich "Aufgeräumt wohlfühlen", bei dem es um die "Sauberkeit in der Stadt" und "Öffentlicher Raum - Lebensraum für alle" geht, finden noch Gespräche statt.
Dritte Phase läuft bereits
Einen passenden Ort für die Diskussion stellen die Veranstalter zur Verfügung. Von der Stadt Wien werden kostenfrei zwei Moderatoren gestellt, die darauf achten, dass jeder angemessen zu Wort kommt. Gemeinsam mit der Gruppe verfassen sie am Ende der Veranstaltung ein Ergebnisprotokoll, das auf der Website unter www.charta.wien.at veröffentlicht wird. Dabei sollten im Laufe der rund zwei Stunden, die so ein Gespräch dauert, die Fragen geklärt werden, was für ein gutes Zusammenleben in Wien wichtig ist, was die Gesprächsteilnehmer sich von anderen erwarten und was sie selbst zu tun bereit sind - und schlussendlich, was davon in die Wiener Charta aufgenommen werden soll. Neben den rund 40 vorgemerkten Gesprächen können noch neue Gruppen ebenfalls bis 14. Oktober angemeldet und abgehalten werden.

Nach der ersten Phase im März, während der zwei Wochen lang online Themen gesammelt wurden, die die Wiener bewegen, gab es zwischen Mitte April und Ende September keine Möglichkeit, online zu diskutieren, die Gespräche fanden in direktem Austausch statt. Seit Freitag, 28. September, können in einer Art "Feedback-Schleife" bisherige Ergebnisse wieder online oder per Telefon kommentiert werden. Bisher sind rund 150 Kommentare online abgegeben worden, telefonisch noch keiner, heißt es aus dem Büro der zuständigen Stadträtin Sandra Frauenberger. Diese zeigte sich zum Start der dritten Phase begeistert: "Ich beobachte mit Freude, wie engagiert sich die Wienerinnen und Wiener am Charta-Prozess beteiligen", hieß es in einer Aussendung.
Beirat formuliert Charta aus
Nach dem Ende des Prozesses fasst der Charta-Beirat die Gesprächsergebnisse zusammen und formuliert den Wortlaut der Charta aus. Ende November soll die Charta in ihrer Endfassung vorliegen und auf der Basis der Gespräche Grundsätze und Spielregeln für ein Zusammenleben in der Großstadt enthalten.
Der Beirat wurde als unabhängiges Gremium eingerichtet. Bereits nach der ersten Phase wurden seine sechs Mitglieder tätig, durchforsteten die 1848 Vorschläge und Frustäußerungen und destillierten daraus die drei Themenkomplexe und insgesamt sieben Unterbereiche, zu denen diskutiert wurde. Während der Charta-Gespräche fungierte der Beirat als Kontrollorgan. In der halbjährigen Diskussionsphase musste der Beirat allerdings nicht einschreiten. Für das Projekt sind 450.000 Euro budgetiert, mehr werde nicht ausgegeben, hieß es dem Büro der Stadträtin.