• vom 24.10.2012, 10:48 Uhr

Stadtleben

Update: 24.10.2012, 11:36 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Mit 1042 Wohneinheiten ist der Handelskai 214 der größte Gemeindebau in Wien-Leopoldstadt

"Leute werden uneinsichtiger"


Von Selina Nowak

  • Früher habe der Lärm der Kinder noch keinen gestört, erzählt der Hausmeister.

Im Sommer werden die Spielkäfige zu eng, und die Kinder weichen auf Rasenflächen aus.

Im Sommer werden die Spielkäfige zu eng, und die Kinder weichen auf Rasenflächen aus.© Stanislav Jenis Im Sommer werden die Spielkäfige zu eng, und die Kinder weichen auf Rasenflächen aus.© Stanislav Jenis

Wien. Die Aussicht ist atemberaubend. Prater, Riesenrad, Wienerwald und Donau umfasst der Rundumblick, der sich von der Dachterrasse im elften Stock auftut. Mehrere solcher Gemeinschaftsterrassen hat die Wohnhausanlage Handelskai 214. Mancher Mieter genießt den Luxus einer eigenen Dachterrasse, jede Wohnung hat einen Balkon. Wie Bienenwaben reihen sich schöne, gelb gestrichene Balkone an- und übereinander, von ganz oben bis ganz nach unten.

Werbung

Unten ist der erste Eindruck ein anderer: dunkle Durchgänge, grauer Beton, löchrige Mauern, abgesplitterter Lack, schmutzige Ecken. "Furchtbare Zustände" seien das hier, kommentiert eine stämmige ältere Dame mit Hund die Szenerie. Und die Kinder, immer frecher würden die: "Bis ins Wohnzimmer hams uns die Eier gschmissen." Nicht besser seien deren Mütter, die "Türkenweiber", die einem "nicht ausweichen".

In die gleiche Kerbe schlägt ein Beisl-Besucher nebenan. Über seinem Mittagsbier echauffiert er sich über die Ausländer, die hier immer mehr würden, in Banden herumzögen und nicht mit sich reden ließen. Charaktere wie diese findet man in jedem Gemeindebau. Aber sind sie repräsentativ?

Der Hausmeister ist die "gute Seele" im Haus
Mit 1042 Wohneinheiten ist der Handelskai 214 der größte Gemeindebau in Wien-Leopoldstadt. Mehr als 5000 Menschen leben hier, die Wohnanlage hat somit die Dimension einer Ortschaft. Einen Mieterbeirat hat der Gemeindebau seit fünf Jahren nicht mehr. Dafür gibt es einen Kindergarten, eine Schule, Spielplätze, ein Seniorentreff, verschiedene Ärzte und - eine Besonderheit - immer noch sieben Hausmeister der "alten Zunft" mit eigenen Dienstwohnungen. Einer von ihnen ist Franz Dubovan. Seit 17 Jahren betreut er zwei Stiegen mit 130 Wohnungen. Zu seinen Aufgaben gehören Reparaturen, Schneeräumung im Winter, die Schlüsselvergabe für den Fahrradraum und das Vermitteln in Konflikten. Er ist die gute Seele und kennt die Leute im Haus. Jene, die sich über Kinder und Ausländer aufregen, machen seiner Ansicht nach eigentlich nur eine Handvoll aus.

Von Anbeginn, als die Anlage in den 1970ern eröffnet wurde, seien hier wegen der Größe der Wohnungen kinderreiche Familien eingezogen. "Aber nun werden die Leute älter und vielleicht ein bisserl uneinsichtiger." Als deren eigene Kinder damals noch unten im Hof Lärm machten, da war das in Ordnung. Doch auf einmal fing dann wer zu schreien an, "der ned amoi mei Hautfoab hot. Des is doch wirklich a Gemeinheit!", erzählt Dubovan schmunzelnd.

Klarerweise zögen nun vermehrt Migrantenfamilien ein. Die Vergabekriterien für Gemeindebauwohnungen seien ja noch dieselben, aber es gebe nun einmal kaum noch österreichische Paare zwischen 20 und 30 Jahren mit zwei oder drei Kindern. Das Geschimpfe über die Ausländer gebe sich nach einer Generation schon, ist sich der Hausmeister, dessen Großvater auch einst aus dem Ausland nach Österreich kam, sicher. "Das sind verschiedene Kulturen, die langsamer zusammenwachsen müssen, als manche Leute das gerne hätten." In den umliegenden Gemeindebauten gebe es Versuche, die Neuösterreicher mit den Alteingesessenen zusammenzubringen. Dort würden immer wieder Hoffeste organisiert. Der Erfolg sei aber nur mäßig, so sein Eindruck.

Ein Herr mittleren Alters holt seinen kleinen Sohn vom Kindergarten ab. Er spricht nur ein gebrochenes Deutsch, bemüht sich aber sehr, die Sachlage zu schildern. Besonders eine ältere Dame lauere immer schon auf ihrem Balkon, um dann herunterzukeppeln. "Mein Sohn ist fünf Jahre alt und spielt Fußball. Anstatt höflich zu sein, zu sagen: Bitte nicht spielen, schreit sie ihn gleich an."

Eigentlich darf man ja weder in den Durchgängen noch auf den Rasenflächen Fußball spielen. Dafür gibt es die Spielkäfige. Es sind aber zu wenige für so viele Kinder, sagt Fritz Schalamon, Geschäftsführer des Jugendzentrums Bassena Stuwerviertel, der in den Sommermonaten wöchentlich zur Parkbetreuung am Handelskai 214 kommt.

Er habe nicht den Eindruck, dass, wie so oft behauptet, "Ausländerkinder wilder sind", erklärt Schalamon. Es seien vielmehr die schimpfenden Erwachsenen, die außer Rand und Band gerieten. Ein Mieter zum Beispiel rege sich ständig über die Kinder auf. Er selbst habe aber eine Frau, die vor einem Jahr den Keller angezündet habe. Aus einer anderen Wohnung im fünften Stock sei sogar einmal ein Nachtkästchen heruntergeworfen worden.

Kinder hätten ein Recht auf Bewegung, aber auch Jugendliche bräuchten Orte, an denen sie sich aufhalten könnten. Doch in den Höfen wurden über die Jahre hinweg alle Bänke entfernt, um Herumlungern zu verhindern. Die Jugendlichen wichen aus. "Vor zwei Jahren hatten wir das Problem, dass Jugendliche öfters am Abend und am Wochenende im Garten waren. Manches ging damals auch kaputt", erinnert sich Susanne Lamprecht, Leiterin des Kindergartens am Handelskai 214. Nun gebe es aber keine Probleme.

Überwachungskameras zeigen Wirkung




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-23 17:53:09
Letzte Änderung am 2012-10-24 11:36:17


Beliebte Inhalte



Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Wer liegt denn da, fragen sich einige Wiener bei der Volksanwaltschaft. - apa
  • 114 Missstände konnten im Jahr 2012 festgestellt werden.
  • weiter

 - Johann Werfring
  • Die hier abgebildete Gans-Skulptur darf zu den kuriosesten Denkmälern Österreichs gezählt werden.
  • weiter

Auch wenn es dann nur ein Armreif wird , ziehen Luxusmarken Konsumenten an. - Karrer
  • Luxusmarken und Jungdesigner sprechen ein breites Publikum an.
  • weiter

Aufräumen: Die Freiwilligen bargen am 5. Mai rund 100 Fässer (l.). Die Via Donau holte bis Freitag 320 "Auftriebskörper" aus dem Wasser, eine Ölsperre wurde errichtet (r.).
  • In der Alten Donau gammeln hunderte alte Fässer vor sich hin - manche von ihnen enthalten Giftstoffe.
  • weiter

Volksschulwand vorher (links) und nachher (rechts) - Bild: Andreas Praefcke An einer Volksschule in Wien mussten nach dem Protest der Mutter einer Schülerin die Kreuze in allen Klassenzimmern entfernt werden...weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Eine erste Teststrecke beim Westbahnhof wurde grün angemalt. - APAweb / Georg Hochmuth
  • City-Chefin Stenzel: Grüne geben Steuergelder für Parteiwerbeaktion aus.
  • weiter

Neben Rot soll es auch Grün auf den Radwegen geben. - apa
  • Fußgängerbeauftragte plädiert für mehr Rücksichtnahme.
  • weiter

Absperrungen auf dem Heldenplatz soll es heuer erstmals nicht geben. - apa
  • Anstelle des Aufmarschs der Burschenschafter wird der Heldenplatz am 8. Mai zum Konzerttag.
  • weiter




Werbung




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

18. 5. 2013: Ein lesbisches Paar in Myanmar: Der "Internationale Tag gegen Homophobie" geriet weltweit zu einem bunten und eindringlichen Protest gegen Diskriminierung. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung