• vom 07.12.2012, 06:00 Uhr

Stadtleben


Vinzirast

Miteinander mitten in der Stadt




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Barbara Sorge

  • Studierende und Obdachlose werden im Rahmen eines einzigartigen Projekts gemeinsam wohnen
  • Neun Wohngemeinschaften für Obdachlose und Studierende im 9. Bezirk.

Die Baustelle auf der Währinger Straße lässt erkennen, dass hier etwas Besonderes entsteht.

Die Baustelle auf der Währinger Straße lässt erkennen, dass hier etwas Besonderes entsteht.© Andreas Urban Die Baustelle auf der Währinger Straße lässt erkennen, dass hier etwas Besonderes entsteht.© Andreas Urban

Wien. Zwischen Uni-Instituten, dem Campus am Alten AKH, hinter der Österreichischen Nationalbank und der Votivkirche und gegenüber dem Französischen Kulturinstitut entsteht auf der Währinger Straße 19 ein besonderes Haus: Mitten in der Stadt werden ab dem kommenden Frühjahr Obdachlose und Studierende gemeinsam in Wohngemeinschaften wohnen. Das Haus aus dem 18. Jahrhundert, das längere Zeit leer stand, wird gerade saniert. Es wird ein weiteres Projekt der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan, deren Obfrau Cecily Corti, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt, wie es dazu kam.

Da war zum einen die "Uni brennt"-Bewegung. Eine Gruppe von Studierenden hatte die Idee, Obdachlosen soziale, psychische und medizinische Betreuung kostenlos zukommen zu lassen. Als Gegenleistung sollten diese kleine Arbeiten verrichten. Das leer stehende Haus in der Währinger Straße erschien als passendes Gebäude. Als Sponsor fragten sie bei Hans Peter Haselsteiner an.


Da ist zum anderen eben Cecily Corti. Nach einem Treffen mit Pfarrer Pucher 2002 griff sie dessen Impuls auf, in Wien ein Vinzidorf nach dem Grazer Vorbild zu errichten. 2004 wurde in Meidling als erster Schritt die Notschlafstelle "Vinzirast" eröffnet. 2008 folgte die Eröffnung des "Vinzirast-Corti-Hauses" mit 29 Wohnplätzen, nachdem Haselsteiner als Sponsor für die Sanierung des Hauses in der Wilhelmstraße 12 gewonnen werden konnte.

Cecily Corti will Menschen vom Rand in die Mitte holen.

Cecily Corti will Menschen vom Rand in die Mitte holen. Cecily Corti will Menschen vom Rand in die Mitte holen.

So schließt sich ein Kreis. Studierende der "Uni brennt"-Bewegung und Cecily Corti kamen durch Vermittlung von Haselsteiner zusammen, und so entsteht nun das Haus "Vinzirast Mittendrin". Damit wird die Idee weitergeführt, dass Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, in die Mitte geholt werden. Vor rund zweieinhalb Jahren wurde begonnen, ein gemeinsames Konzept zu entwickeln. Hans Peter Haselsteiner ermöglichte es der Stiftung der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan, das Haus zu kaufen. Die aufwendige Renovierung wird so wie die gesamte Arbeit der Gemeinschaft ausschließlich durch private Spenden finanziert. "Es sind enorme Kosten, die wir aufbringen müssen. Es soll schön werden, das ist uns gerade bei diesem Projekt sehr wichtig", erklärt Corti ihr Anliegen. Wie bisher vertraut sie darauf, dass durch die Solidarität von vielen Menschen neue Schritte in der Integration von Obdachlosen gelingen können.

Positive Reaktionen des Umfelds
Ihre Erfahrungen aus acht Jahren Notschlafstelle hat Cecily Corti in die Entwicklung des Konzepts und der Architektur einfließen lassen: "Offenheit, Transparenz und Teilhabe spiegeln sich in der Architektur von Alexander Hagner (Büro Gaupenraub) wider." Auf drei Stockwerken wird es neun Wohnungen mit jeweils drei Zimmern für Wohngemeinschaften geben. In jedem Stockwerk sind eine große Küche und ein Aufenthaltsraum geplant. Im Erdgeschoß wird ein Caféhaus entstehen, das sowohl die Möglichkeit bietet, Obdachlose oder Studierende zu beschäftigen, als auch Essen zu moderaten Preisen abzugeben. Auch für Passanten und Menschen aus der Umgebung steht es dann offen.

Weiters sind drei Werkstätten als Beschäftigungsprojekt geplant sowie Beratungsräume für Fachkräfte der Soziologie, Medizin und Psychologie. Im Keller gibt es einen Veranstaltungsraum, der für Lesungen, Vorträge und Diskussionen zur Verfügung steht und auch nach außen vermietet werden kann: "Die Bezirksvorsteherin hat bereits Interesse daran bekundet", so Corti. Bisher rechnet sie nicht mit Beschwerden der Anrainer. Bevor das Haus im Februar dieses Jahres zur Baustelle wurde, gab es dort vier Wochen lang einen Flohmarkt. Viele Menschen wurden bei dieser Gelegenheit informiert, was hier entstehen wird.

Was die zukünftigen Bewohner angeht, sei die Vinzenzgemeinschaft St. Stephan bereits in gutem Einvernehmen mit verschiedenen Uni-Instituten. Die Studierenden müssen als Voraussetzung Interesse am Projekt zeigen "Es ist nicht daran gedacht, dass sie die ehemals obdachlosen Bewohner betreuen, vielmehr, dass alle miteinander und voneinander lernen", so Corti.

Die Obdachlosen werden ebenfalls nach Gesprächen für die Wohngemeinschaften ausgewählt. Ob und wie das Projekt funktionieren wird, kann Corti noch nicht sagen: "Unseres Wissens gibt es bisher kein anderes derartiges Projekt. Natürlich ist es ein Wagnis, aber wir sind guten Mutes."




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-12-06 17:02:06
Letzte nderung am 2012-12-06 17:04:57




Zwischennutzung

Die kreative Vorhut der Investoren

Noch dieses Wochenende hat der Weihnachtsmarkt im Stall geöffnet. - © creau Wien. Zum Glück waren es keine Schweine. Angie Schmied und Lukas Böckle stehen in dem ehemaligen Stallgebäude und schnuppern... weiter




Transition Base

Smartes Wagenvolk

Wohnraum muss nicht viel kosten: Der alte Zirkuswagen soll für kreative Zwecke genutzt werden. - © Puiu Wien. Über die Felder der im Nordosten Wiens liegenden Seestadt fegt ein eisiger Wind. Direkt neben der Satellitenstadt... weiter




Fleischerei

Ausgeblutet

Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei. - © Arnold Burghardt Wien. Es ist ein schwarzer Tag für die Wiener Fleischerbranche, ein weiterer. Das Gerücht, dass Trünkel die neun der ursprünglich 25 Filialen im April... weiter





Wiener Prater

Die Erben der Zaubermeister

Franz Steidlers Bauchrednerpuppe steht jetzt im Circus- und Clownmuseum. - © Circusmuseum Wien. "Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati und Anton Kratky-Baschik: Das sind drei legendäre Zaubererkünstler... weiter




Prater

Erstes Kino als Kunstform

- © Kadotheum Wien Wien. "Karl Juhasz war das Gegenteil vom Hutschenschleuderer Liliom", meint Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums... weiter




250 Jahre Wiener Prater

Mit Courage und Löwenherz

- © Clownmuseum Wien. "1966 gab es im Prater mehrere Gründe zum Feiern", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, 50 Jahre später... weiter






Werbung


Werbung