• vom 21.12.2012, 06:00 Uhr

Stadtleben

Update: 21.12.2012, 18:28 Uhr

Schnecken

Der Herr der Schnecken




  • Artikel
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Solmaz Khorsand

  • Der Wiener Andreas Gugumuck ist mit seinen Weinbergschnecken Europas innovativster Landwirt
  • Österreich soll wieder auf den Geschmack der Schnecke kommen.

Auf die Schnecken gekommen sind Andreas Gugumuck (links) und René Ringsmuth.

Auf die Schnecken gekommen sind Andreas Gugumuck (links) und René Ringsmuth.© Khorsand Auf die Schnecken gekommen sind Andreas Gugumuck (links) und René Ringsmuth.© Khorsand

Wien. Andreas Gugumuck ist ein Missionar. Er denkt in großen Maßstäben. Eine kleine Revolution hat er geplant. In Zukunft sollen sich die Österreicher nicht länger an Rind, Schwein oder Huhn laben, sondern an einem schleimigen Weichtier: der Schecke. "Auch wenn sie viele Leute heute polarisiert, ist es das Lebensprodukt der Zukunft", sagt er ernst.

Der 38-Jährige ist Schneckenzüchter. Anfang Dezember hat ihn die Europäische Union mit dem Innovationspreis für Junglandwirte ausgezeichnet. Seit ein paar Jahren züchtet Gugumuck auf seinem Familienhof im zehnten Bezirk Weinbergschnecken. Inspiriert von Gerd Sievers’ "Schneckenkochbuch" hat sich Gugumuck an die Zucht der proteinhaltigen Kriecher gewagt. Mit 20.000 Schnecken hat alles begonnen, die er damals von einem deutschen Züchter gekauft hat. Heute tummeln sich 500.000 Schnecken auf seiner Schneckenfarm. Auf 1500 Quadratmeter beißen sie sich durch Sonnenblumen, Mangold, Raps und viele Kräuter wie Thymian und Fenchel. Im ehemaligen Schweinestall am Hof, der seit dem 18. Jahrhundert im Familienbesitz ist, hat Gugumuck für die Weichtiere eine Liebeskammer eingerichtet. Dort soll der Monat Mai mit Licht, Temperatur und entsprechender Feuchtigkeit länger simuliert werden. Bis zu elf Stunden kann das Liebesspiel der Zwitterwesen dauern.

Werbung

"Viele haben mich belächelt", erzählt Gugumuck die Reaktion seiner Bekannten in der Anfangsphase seines eigenwilligen Projekts. Als studierter Wirtschaftsinformatiker und ehemaliger Projektmanager bei IBM kommt er eigentlich aus einer ganz anderen Ecke. Dass ausgerechnet ein Computernerd sich an die schleimigen Tierchen wagt, hat im Freundeskreis für Kopfschütteln gesorgt.

Mittlerweile hat er sogar die Vegetarier unter ihnen von seinem Produkt überzeugt. Schließlich ist die Schnecke weder Fisch noch Fleisch. Sachte hat sie Gugumuck auf den Geschmack der Tiere gebracht. Auf Grätzelfesten hat er die Delikatesse als Fingerfood angeboten, mit gegrilltem Speck ummantelt, um die Hemmschwelle vieler Besucher zu nehmen. Stück für Stück tastet sich Gugumuck vor und beliefert diverse Haubenköche Wiens mit seiner "Wiener Schnecke". Sein Ziel ist es, irgendwann das gehobene Gastsegment zu erreichen, um die Schnecke auch im gemeinen Volk wieder gesellschaftsfähig zu machen. Wer früher die Frittatensuppe als Vorspeise bestellt hat, soll eben einmal ein Schnecken-Gulasch probieren. Nicht schleimig, auch nicht knorpelig, sondern überraschend fest ist das Fleisch der Schnecke.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2015
Dokument erstellt am 2012-12-20 17:53:05
Letzte Änderung am 2012-12-21 18:28:25




Wohnen in Wien

Das Dorf in der Stadt

In der Gemeinschaftsküche kochen täglich zwei Bewohner für 20 andere ein Mittagsmenü. - © Hans Hochstöger Wien. Über dem Kochtopf dampft es. In der offenen Küche riecht es nach Gewürzen, klirren Gläser, durchflutet Licht den Raum... weiter




Wiener Kanalisation

Im Wiener Untergrund

Ohne Stiefel geht im Kanal gar nichts. Die Regel für einen Abstieg lautet: immer zwei Männer oben, zwei Männer unten. - © Klaus Pichler Wien. Wir befinden uns gebückt in einem Kanalrohr im 3. Bezirk: 1,5 Meter hoch, 70 Zentimeter breit, groß genug für einen Menschen... weiter




Hans Orsolics

Boxlegende aus Kaisermühlen

Hans Orsolics - © Kurt Prinz Wien. Geht man im Wiener AKH durch die Klinik für Physikalische Medizin, fällt einem schnell eine Wand auf, die so gar nicht ins neutrale Spitalsbild... weiter





Währing

Geschlossene Gesellschaft

 - © Luiza Puiu Wien. Währing ist schön, großteils auch bieder, aber keinesfalls cool. Der Bezirk hat den Charme eines Mahagoni-Wandverbaus... weiter




Meidling

Der mit dem L

 - © Luiza Puiu Wien. "Des ist a Ghetto. Des is schlimm", sagt der ältere Mann mit der Promenadenmischung und zeigt auf das Schöpfwerk... weiter




Mariahilf

Der ruhigere Siebente

Vom Christian-Broda-Platz (l.u.) über das Haus des Meeres (M.u.) bis zum Naschmarkt (r.o.): Mariahilf hat viel Platz für junge Kreative wie "Blumenkind" (r.u.). - © Weber Wien. Bei näherer Betrachtung gibt es zwischen den beiden Seiten der Mariahilfer Straße ausgehend vom Christian-Broda-Platz keinen Unterschied... weiter






Werbung