• vom 03.04.2013, 17:40 Uhr

Stadtleben

Update: 03.12.2013, 14:31 Uhr

Mitten in Wien

Die mit den Stieren kämpfen




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Von Solmaz Khorsand

  • Leopold Hödl und sein Sohn Christoph sind Wiens letzte Fleischhauer, die ihr Fleisch noch selbst schlachten
  • Im 23. Bezirk wird noch nach der alten Schule geschlachtet.

In wenigen Minuten wird auch dieses Schwein um die Ecke gebracht.

In wenigen Minuten wird auch dieses Schwein um die Ecke gebracht.© Luiza Puiu In wenigen Minuten wird auch dieses Schwein um die Ecke gebracht.© Luiza Puiu

Wien. Es ist ein Uhr morgens in Atzgersdorf in Liesing. Die Straßen sind menschenleer und der Wind peitscht gegen die Fensterscheiben. Die zwei Männer mit den blutverschmierten weißen Gummistiefeln sind wieder am Werk. So wie jede Nacht. Leopold und Christoph Hödl lächeln. Vater und Sohn sind in ihrem Element. Es riecht nach warmem Blut und verbrannter Haut. Die Hödls sind Fleischhauer. Die Letzten ihrer Art. Sie sind Wiens letzte Fleischer, die die Tiere noch selbst schlachten. 20 Schweine, drei Rinder, ein Stier und drei Kälber sind es jede Woche, die in ihrem Schlachthof in der Loosgasse 1 im 23. Bezirk getötet werden.

"Wir wissen genau, woher die Tiere kommen, was sie gegessen haben und wie sie gelebt haben", sagt Chistoph Hödl. Jede Woche fährt der 32-Jährige gemeinsam mit seinem Vater, Leopold, in die Bucklige Welt im Süden Niederösterreichs zur Fleischbeschau. Nur die kräftigsten, fettesten und gesündesten Tiere werden hier ausgesucht und dann zum Mästen auf einen Bauernhof im Tullnerfeld, 30 Kilometer von Wien entfernt, gebracht.


Der Konsument stellt wieder Fragen über sein Fleisch
Einige Wochen später holen sie dann die Schweine, Rinder und Kälber ab und bringen sie auf die hauseigene Schlachtbank. Von ein Uhr bis vier Uhr in der Früh wird dann hier geschlachtet.

Fleischer Leopold Hödl ist in seinem Element: Von ein bis vier Uhr in der Früh schlachtet der 57-Jährige 20 Schweine. Die Axt ist sein bevorzugtes Werkzeug.

Fleischer Leopold Hödl ist in seinem Element: Von ein bis vier Uhr in der Früh schlachtet der 57-Jährige 20 Schweine. Die Axt ist sein bevorzugtes Werkzeug.© Luiza Puiu Fleischer Leopold Hödl ist in seinem Element: Von ein bis vier Uhr in der Früh schlachtet der 57-Jährige 20 Schweine. Die Axt ist sein bevorzugtes Werkzeug.© Luiza Puiu

In Zeiten von nicht deklariertem Pferdefleisch in der Lasagne und Antibiotika in der Pute wollen die Konsumenten wieder genauer wissen, woher ihr Fleisch kommt. Ob das Tier frei herumlaufen konnte, ob es biologisch angebauten Mais in seinen Futtertrog fand und ob es schmerzlos aus der Welt ging, bevor es zu Speck verarbeitet wurde?

All diese Fragen wollte Leopold Hödl seinen Kunden nie schuldig bleiben. "Ich will wissen, woher die Tiere kommen. Das ist das Besondere an dem Beruf", sagt der stämmige 57-Jährige. Bis zu den Ellbögen hat Hödl senior seine Arme in einer hautfarbenen Paste aus Schweine- und Rindfleischresten. Zu Leberkäse wird diese Paste verarbeitet. Es ist das Erste, was der Hödl-Clan jede Nacht vorbereitet, damit der Leberkäse frisch am nächsten Tag um sieben Uhr für die Kunden hinter der Theke angeboten werden kann.

Eine vergessene Welt, in der es nach Gedärmen riecht
Hödls Vater hat die Fleischerei 1954 gegründet. Seit seiner Kindheit kennt der breitschultrige Mann mit den kräftigen Händen nichts anderes als das Fleischerei-Business. Wortkarg ist er um diese Uhrzeit. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass er seit Monaten von den Medien belagert wird. Wie lebt einer, der mit seinen Händen ein Tier töten kann? Der einmal pro Woche einen 150 Kilo schweren Stier zur Strecke bringt? Wie ein Kuriosum wird Hödl beäugt von den Journalisten, gehört er doch einer Welt an, in der man anpacken muss, sich dreckig macht, in der es nach nicht verdauten Essensresten stinkt und in der man Blut an den Schuhsohlen kleben hat.

Und vor allem ist Hödl der Vertreter einer Welt, in der Fleisch nicht anonym und foliert in Schaumtassen feilgeboten wird, sondern quiekt, atmet und schlottert, bevor es fein geschnitten in der Feinkostabteilung landet.

1997 hat der letzte Schlachthof in Wien in St. Marx im dritten Bezirk seine Tore geschlossen. Damit ist das Blut aus der Stadt verschwunden. Statt Schlachthof ist dort nun das hippe Media Quarter, wo auch die Redaktion der "Wiener Zeitung" beheimatet ist. Der steinerne Rinderkopf, der vom Dach der Rinderhalle ragt, ist das Einzige, was hier noch an die alten Zeiten des Schlachthofs erinnert. Für Hödl sind diese Zeiten hingegen präsenter denn je.

Heute Nacht werden die Schweine geschlachtet. Dienstag stehen die Rinder an, Freitag die Kälber. Am Morgen hat das Vater-Sohn Gespann die Vierbeiner bereits vom Bauernhof abgeholt und in den hauseigenen Stall gebracht, der an die Fleischerei angeschlossen ist. Hier sollen sich die 20 Schweine erst einmal bis zum Abend ausruhen von der langen Fahrt, "relaxen", wie Hödl junior meint.

Bei den großen Schlachtbetrieben läuft das ganz anders ab. Stunden-, gar tagelang sind die Tiere in großen Transportern quer durch Österreich unterwegs. Zu Hunderten werden sie dann zum Fließband geführt. Innerhalb weniger Stunden werden sie dort betäubt, getötet, aufgeschlitzt und mit einer Säge zerlegt. Zeit sich zu entspannen haben die Tiere hier nicht. Jede verlorene Zeit, die sie nicht auf der Schlachtbank sind, ist verlorenes Geld. Bei den Hödls ist man noch Old School.

Um ein Uhr in der Früh treiben die Hödls die Tiere mit einem Holzstock in ihren Schlachtraum. In Sechser-Gruppen werden sie hereingeführt. Mit ihren Stummelhaxen trippeln sie über den Boden, der noch getränkt ist vom Blut ihrer Vorgänger. Im Schlachtraum verstecken sie sich dann hintereinander, um von den Hödls und ihrer bedrohlichen Betäubungszange nicht entdeckt zu werden. Vergeblich. Hödl junior legt dann die elektrische Betäubungszange um den Hals des ersten Schweins, innerhalb weniger Sekunden liegt es regungslos am Boden. Dann sticht Hödl senior zu. Direkt in die Hauptschlagader des Tieres. Dunkles Blut strömt aus dem Hals, das in einer Schale aufgesammelt wird, um es später zu Blutwurst zu verarbeiten. Die Beine des Schweins zappeln noch, bis das Blut vollständig aus dem Körper entwichen ist.

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Dokument erstellt am 2013-04-03 17:44:06
Letzte nderung am 2013-12-03 14:31:42




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