• vom 27.10.2010, 16:36 Uhr

Stadtleben

Update: 22.01.2015, 23:46 Uhr

Museumsstücke

"Vogelköpfe" im Wiener "Narrenturm"




  • Artikel
  • Lesenswert (38)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

  • Das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum in dem unter Kaiser Joseph II. errichteten "Narrenturm" bietet vielfältige Einblicke in die Medizingeschichte.

Die Büsten der an Mikrocephalie leidenden Brüder Anton und Leopold Koller aus dem Jahr 1897 im Wiener "Narrenturm". - © Johann Werfring

Die Büsten der an Mikrocephalie leidenden Brüder Anton und Leopold Koller aus dem Jahr 1897 im Wiener "Narrenturm". © Johann Werfring

Als Geste der Verwunderung über die (vermeintliche) Blödheit von Mitmenschen gilt von alters her das "Vogelzeigen". Die Verwunderung wird der betreffenden Person durch ein mehrmaliges An-die-Stirn-Tippen mit dem Zeigefinger kommuniziert.

Im "Wörterbuch der deutschen Idiomatik" ("Duden – Redewendungen") wird die Vermutung angestellt, dass diese beleidigende Geste auf den uralten Volksglauben zurückzuführen sei, demzufolge Geistesgestörtheit durch Vögel verursacht würde, die in den Köpfen der Betreffenden ihre Nester hätten.


Indes dürfte der wahre Ursprung des "Vogelzeigens" auf die frühere Bezeichnung "Vogelköpfe" für mikrocephale Menschen zurückgehen. Bei der Mikrocephalie handelt es sich um eine Entwicklungsbesonderheit beim Menschen, bei welcher der Kopf (wie auch das Gehirn) eine vergleichsweise geringe Größe aufweist.

Die Brüder Koller, Fotografie aus der Zeit um 1895.

Die Brüder Koller, Fotografie aus der Zeit um 1895.© Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum Die Brüder Koller, Fotografie aus der Zeit um 1895.© Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum

Im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum befinden sich zwei bemerkenswerte Büsten der mikrocephalen Brüder Anton und Leopold Koller. Verursacht wurde die Abnormität (und die damit verbundene geistige Behinderung) durch elterlichen Alkoholismus.

Wegen der krankheitsbedingt auftretenden Aggressivität kamen die Koller-Brüder (die Namen sind den Büsten nicht mehr zuordenbar) in die Irrenanstalt Gugging (NÖ). Innerhalb der an der Erforschung von Erbkrankheiten interessierten Ärzteschaft erregten die Brüder erhebliches Interesse, weshalb deren Köpfe, die eine merkwürdige Faltung der Haut aufwiesen, 1897 skulptural nachgebildet wurden.

"Das Traurige bei Mikrocephalen war zu jener Zeit, dass es für sie meist nur zwei Möglichkeiten des Lebensverlaufes gab: das Irrenhaus oder die Schaubude zur Volksbelustigung", sagt Museumsdirektorin Beatrix Patzak. Die Zurschaustellung im Panoptikum blieb den Koller-Brüdern immerhin erspart.

Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum
Uni-Campus, Hof 6, 1090 Wien, Spitalgasse 2
Mi 10–18 Uhr, Sa 10–13 Uhr
Tel. (01) 521 77-606
www.narrenturm.at

Artikel erschienen am 28. Oktober 2010
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7








Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-10-27 16:36:32
Letzte nderung am 2015-01-22 23:46:27



Zwischennutzung

Die kreative Vorhut der Investoren

Noch dieses Wochenende hat der Weihnachtsmarkt im Stall geöffnet. - © creau Wien. Zum Glück waren es keine Schweine. Angie Schmied und Lukas Böckle stehen in dem ehemaligen Stallgebäude und schnuppern... weiter




Transition Base

Smartes Wagenvolk

Wohnraum muss nicht viel kosten: Der alte Zirkuswagen soll für kreative Zwecke genutzt werden. - © Puiu Wien. Über die Felder der im Nordosten Wiens liegenden Seestadt fegt ein eisiger Wind. Direkt neben der Satellitenstadt... weiter




Fleischerei

Ausgeblutet

Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei. - © Arnold Burghardt Wien. Es ist ein schwarzer Tag für die Wiener Fleischerbranche, ein weiterer. Das Gerücht, dass Trünkel die neun der ursprünglich 25 Filialen im April... weiter





Wiener Prater

Die Erben der Zaubermeister

Franz Steidlers Bauchrednerpuppe steht jetzt im Circus- und Clownmuseum. - © Circusmuseum Wien. "Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati und Anton Kratky-Baschik: Das sind drei legendäre Zaubererkünstler... weiter




Prater

Erstes Kino als Kunstform

- © Kadotheum Wien Wien. "Karl Juhasz war das Gegenteil vom Hutschenschleuderer Liliom", meint Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums... weiter




250 Jahre Wiener Prater

Mit Courage und Löwenherz

- © Clownmuseum Wien. "1966 gab es im Prater mehrere Gründe zum Feiern", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, 50 Jahre später... weiter






Werbung


Werbung