• vom 04.06.2013, 15:56 Uhr

Stadtleben

Update: 04.06.2013, 17:17 Uhr

Andreas Khol

Blick zurück in Verbundenheit




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Neue Veranstaltungsreihe in der Israelitischen Kultusgemeinde
  • Andreas Khol und Ariel Muzicant resümierten gemeinsame politische Zeit.

2000 war Muzicant (re., mit Michel Friedmann) gegen die Schwarz-Blaue Koalition mit Khol. - © apa/Techt

2000 war Muzicant (re., mit Michel Friedmann) gegen die Schwarz-Blaue Koalition mit Khol. © apa/Techt

Wien. Der frühere ÖVP-Klubobmann, Nationalratspräsident und heutige Obmann des Seniorenbundes, Andreas Khol, war einst Architekt der schwarz-blauen Regierung von 2000, die vom damaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Ariel Muzicant, massiv attackiert wurde. Dennoch war Khol treibende Kraft nicht nur für die Einrichtung des Nationalfonds Mitte der 1990er-Jahre, sondern auch für die Umkehr der Beweislast beim Allgemeinen Entschädigungsfonds unter ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel: Nicht mehr die Antragsteller mussten alle eingereichten Ansprüche auf Punkt und Beistrich belegen, sondern die Fondsmitarbeiter bemühten sich, die angeführten Verluste durch Dokumente aus diversen Archiven zu belegen.


Khol war Montag Abend der erste Gast in einer neuen Gesprächsreihe, zu der Muzicant mehrmals im Jahr Zeitzeugen ins Gemeindezentrum der IKG in die Seitenstettengasse bitten wird. Beleuchtet werden soll die Geschichte der Wiener Jüdischen Gemeinde in den vergangenen Jahrzehnten.

Khol war jahrelang politisches Gegenüber Muzicants, Jahre, in denen man die jeweiligen Positionen klar abgesteckt hat: das war Montag Abend spürbar - ebenso wie die gegenseitige Wertschätzung und der Respekt: "Als ich freiwillig resignierte, weil wir die Wahlen verloren hatten - die schönste Abschiedsfeier hat mir die jüdische Kultusgemeinde gemacht", erzählte Khol. "Und das schönste Geschenk steht heute, für alle sichtbar, im Entrée, ein wunderbarer Chanukka-Leuchter, und das freut mich sehr."

"Alles andere als charmant"



So gut war das Verhältnis nicht immer. Das erste Kennenlernen: 1998. Da stand Muzicant im Rahmen seiner Antrittsbesuche auch in Khols Büro, fünf dicke Ordner im Arm. "Sie haben gesagt, da gibt es noch eine ganze Reihe von nicht aufgeklärten und nicht geregelten Dingen", erinnerte sich Khol. "Und Sie haben gesagt, wir wollen ja kein Geld, wir wollen Gerechtigkeit." Khol hat sich die Unterlagen genau angesehen - und gefunden, hier müsse etwas getan werden.

Drei Wochen später habe er dann mit dem damaligen SPÖ-Bundeskanzler Viktor Klima darüber gesprochen. Doch der habe abgewunken. Unter Schwarz-Blau sei es dann doch gelungen, den Allgemeinen Entschädigungsfonds zu installieren. Unter Rot-Schwarz wäre es nicht zum Washingtoner Abkommen von 2001 gekommen, ist Khol heute überzeugt.

Muzicant verteidigte dennoch seine Haltung von damals. "Ich weiß schon, ich bin damals am Heldenplatz alles andere als charmant gewesen. Ich habe mit allen meinen Kräften gegen schwarz-blau agitiert und gewettert." Die Rechnung habe die Kultusgemeinde in den Entschädigungsverhandlungen präsentiert bekommen, wo man versucht habe, sie vom Verhandlungstisch zu verdrängen und die Dinge mit der Claims Conference zu regeln.

Am Heldenplatz sei den vermuteten Absichten von Schwarz-Blau der Prozess gemacht worden, die da gewesen seien: Rechtsextremismus, Antisemitismus, Ausgrenzung. Nichts davon sei allerdings eingetreten, betonte Khol. "Ich glaube, dass man am Heldenplatz einen Popanz an die Wand gemalt und den dann abgefotzt hat, wie man auf Tirolerisch sagt. Ich gebe zu, dass ich einer der Architekten von Schwarz-Blau war und ich stehe nach wie vor dazu."

Muzicant bestätigte, dass das Befürchtete nicht eingetreten sei. Dennoch habe er als IKG-Präsident so handeln müssen: "Ich musste gegen die Nazis in der FPÖ auftreten. Und ich kämpfe für ein anderes Österreich. Wenn wir schweigen, machen wir uns schuldig, dass wir nicht rechtzeitig aufgestanden sind."

Muzicant dankte Khol für die Unterstützung bei der Wiederinstandsetzung der Badener Synagoge. An die Eröffnung erinnerte sich Khol gerne. Dennoch: "Mich schmerzt noch immer, dass wir bei viel wichtigeren Synagogen, wie der Kobersdorfer, nicht weiterkommen." Lange habe er auch gegen den Stillstand in Sachen Jüdische Friedhöfe angeschrieben. Nun gehe etwas weiter. "Langsam, sehr langsam", so Muzicant. Aber es tue sich etwas.




Schlagwörter

Andreas Khol, Ariel Muzicant, IKG

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-06-04 16:59:04
Letzte Änderung am 2013-06-04 17:17:52




Zwischennutzung

Die kreative Vorhut der Investoren

Noch dieses Wochenende hat der Weihnachtsmarkt im Stall geöffnet. - © creau Wien. Zum Glück waren es keine Schweine. Angie Schmied und Lukas Böckle stehen in dem ehemaligen Stallgebäude und schnuppern... weiter




Transition Base

Smartes Wagenvolk

Wohnraum muss nicht viel kosten: Der alte Zirkuswagen soll für kreative Zwecke genutzt werden. - © Puiu Wien. Über die Felder der im Nordosten Wiens liegenden Seestadt fegt ein eisiger Wind. Direkt neben der Satellitenstadt... weiter




Fleischerei

Ausgeblutet

Nach vier Generationen Familienbetrieb ist es mit Trünkel im April 2017 vorbei. - © Arnold Burghardt Wien. Es ist ein schwarzer Tag für die Wiener Fleischerbranche, ein weiterer. Das Gerücht, dass Trünkel die neun der ursprünglich 25 Filialen im April... weiter





Wiener Prater

Die Erben der Zaubermeister

Franz Steidlers Bauchrednerpuppe steht jetzt im Circus- und Clownmuseum. - © Circusmuseum Wien. "Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati und Anton Kratky-Baschik: Das sind drei legendäre Zaubererkünstler... weiter




Prater

Erstes Kino als Kunstform

- © Kadotheum Wien Wien. "Karl Juhasz war das Gegenteil vom Hutschenschleuderer Liliom", meint Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums... weiter




250 Jahre Wiener Prater

Mit Courage und Löwenherz

- © Clownmuseum Wien. "1966 gab es im Prater mehrere Gründe zum Feiern", erzählt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, 50 Jahre später... weiter






Werbung


Werbung