• vom 24.12.2013, 06:00 Uhr

Stadtleben


Obdachlose

"Kein Mensch ist wertlos"




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Von Mathias Ziegler

  • Weihnachten im Haus Allerheiligen - von der Schmalzbrotzentrale zum Caritas-Wohnheim
  • Eine Pfarre feiert mit ehemaligen Obdachlosen Weihnachten.

Der Pfarrer und seine Schützlinge: Fritz Koren (l.) feiert mit den Bewohnern des Hauses Allerheiligen im Pfarrsaal Weihnachten. - © jaz

Der Pfarrer und seine Schützlinge: Fritz Koren (l.) feiert mit den Bewohnern des Hauses Allerheiligen im Pfarrsaal Weihnachten. © jaz

Wien. Warme Socken, Zahnpasta, ein Jahreskalender, Wäsche, ein paar Lebensmittel, ein Merkur-Gutschein, ein Packerl Zigaretten, eine Flasche Apfelsaft. Das ist der Inhalt der 54 Weihnachtspackerl, die im Pfarrsaal der Pfarre Allerheiligen-Zwischenbrücken im 20. Bezirk aufgereiht stehen und der Verteilung harren. Es sind die Packerl für die 54 Bewohner (42 Männer und 12 Frauen) des Caritas-Wohnheims über dem Pfarrsaal. 54 Namen, hinter denen 54 bewegte Lebensgeschichten stehen.

Zur gemeinsamen Weihnachtsfeier sind nur rund zwei Drittel von ihnen gekommen. Carl Gölles, der das Haus Allerheiligen in der Salzachstraße 3 seit der Eröffnung vor genau zehn Jahren leitet, hat das erwartet: "Bei uns gibt es keine Verpflichtungen. Wir bieten Veranstaltungen an, aber die Bewohner müssen nicht mitmachen." Wer keinen Kontakt mit anderen suchen will, kann sich auf die eigenen 25 Quadratmeter zurückziehen, die hier ehemaligen Obdachlosen um 315 Euro Monatsmiete zur Verfügung gestellt werden, die zusätzlichen Kosten übernimmt der Fonds Soziales Wien, der die Wohnungen auch zuteilt.


Wohnheim seit zehn Jahren
"Wir nehmen die Menschen so an, wie sie sind", betont Gölles. Deshalb gibt es auch kein Alkoholverbot im Haus. "Solange keine Gewalt vorkommt, tolerieren wir auch Alkoholprobleme, die Menschen hier haben schon genug durchgemacht. Natürlich bieten wir Hilfe an, aber wir zwingen sie nicht auf." Es ist schließlich ein karitatives Altersheim und keine Besserungsanstalt. Die Bewohner, die derzeit 50 bis 86 Jahre alt sind, sollen hier möglichst ihr ganzes restliches Leben verbringen. "Hinauswerfen mussten wir in den vergangenen zehn Jahren nur ein paar, die sich wirklich arg aufgeführt haben", erzählt Gölles. Dass die Wohnungen alle auch separate Badezimmer haben und es zwar eine gemeinsame Kantine als Angebot, aber keinen Kontaktzwang gibt, reduziert seiner Meinung nach das Konfliktpotenzial massiv.

Frisch von der Straße
Und so sitzen jetzt eben nicht alle an der langen U-Tafel, singen Weihnachtslieder - oder brummeln irgendetwas mit -, hören Weihnachtsgeschichten und die Ansprache von Pfarrer Fritz Koren, der ihnen seine ganz persönliche Weihnachtsbotschaft überbringt: "Zu Weihnachten wurden mit den Hirten diejenigen angesprochen, die damals als der letzte Dreck gesehen wurden." Ein Gefühl, das viele Zuhörer wohl nur zu gut kennen. Und so sorgen die nächsten Sätze für ein paar feuchte Augen: "Jeder von uns kann dazu beitragen, die Welt besser zu machen. Es gibt keinen Menschen, der nicht wertvoll ist. Das sollen alle Menschen sehen und spüren - nicht nur zu Weihnachten."

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Dokument erstellt am 2013-12-23 16:26:04




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