• vom 18.01.2014, 07:00 Uhr

Stadtleben


Porträt

"Die urschöne Mischkulanz"




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Von Barbara Sorge

  • Hans Staud ist ein "Ureinwohner" Ottakrings, Marmeladenkönig und ein quirliger Unternehmer alter Schule
  • Mit seinen Mitarbeitern spricht der "Chef" oft in ihren Muttersprachen.

Marmeladenkönig Hans Staud inmitten seiner Produkte im Lokal am Brunnenmarkt - da ist er in seinem Element.

Marmeladenkönig Hans Staud inmitten seiner Produkte im Lokal am Brunnenmarkt - da ist er in seinem Element.© Andreas Urban Marmeladenkönig Hans Staud inmitten seiner Produkte im Lokal am Brunnenmarkt - da ist er in seinem Element.© Andreas Urban

Wien. Hier ist Hans Staud (65) zu Hause, das merkt man schnell. Wie er die Ottakringer Straße überquert und dabei erzählt, dass ein Schutzweg an dieser Stelle im Gespräch war, aber dann nicht gekommen ist. Wie er die Menschen, die ihm entgegenkommen, grüßt, und diese den Gruß mit einem Lächeln erwidern. Wie er fachgerecht erklärt, dass man hier, in der in Hernals gelegenen Steinergasse, wo er seine neue Produktionslinie eingerichtet hat, den Manner riechen könnte, was ein paar Ecken weiter hinten, in Stauds Stammhaus in der Ottakringer Hubergasse, nicht möglich sei.

"Für Integration sind beide Seiten notwendig"
Die Mitarbeiter am neuen Standort in der Steinergasse freuen sich über den Besuch des Chefs, der jeden Tag durch die Firma geht und alle begrüßt, mit Namen anspricht und mit jedem ein paar Worte wechselt. Oftmals in deren Muttersprache, denn rund 80 Prozent seiner Mitarbeiter haben Migrationshintergrund. In der Anfangszeit seiner Firma in den 1970er Jahren kamen viele Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien zu ihm. "Sie waren fleißig und genau, was für ein Qualitätsprodukt wichtig ist", erzählt Staud, "aber sie haben sich schwergetan, Deutsch zu lernen."

Bei seinem Produkt kennt Staud aber keinen Spaß, da muss alles passen, damit die Marmelade auch wirklich schmeckt.

Bei seinem Produkt kennt Staud aber keinen Spaß, da muss alles passen, damit die Marmelade auch wirklich schmeckt.© Andreas Urban Bei seinem Produkt kennt Staud aber keinen Spaß, da muss alles passen, damit die Marmelade auch wirklich schmeckt.© Andreas Urban

Also lernte er ihre Sprachen, Serbisch und Kroatisch. Inzwischen kommen seine rund 40 Mitarbeiter aus acht Ländern von drei Kontinenten (Europa, Afrika, Asien), und die einheitliche Verständigungssprache ist Deutsch. Aber noch immer spricht der Chef, wo möglich, mit den Einzelnen in ihrer Sprache. Auch Polnisch versteht er einigermaßen und spricht es ein bisschen. Russisch lernt er gerade.

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Wie wichtig es ist, in Sachen Integration auf die anderen zuzugehen, ist ihm früh bewusst geworden. In einer Zeit, als der Brunnenmarkt noch nicht chic war, ist er hier aufgewachsen. Zur Schule ging er auf der anderen Seite des Gürtels, im 8. Bezirk, in der Piaristengasse. "Ich weiß genau, wie es ist, wenn man gehänselt wird, weil man woanders herkommt", erzählt er. Da reichte es in seiner Schulzeit schon, dass es die andere Seite des Gürtels war.

Wenn der Chef im Gespräch mit den Mitarbeitern lacht, dann mit Einsatz seines ganzen Körpers.

Wenn der Chef im Gespräch mit den Mitarbeitern lacht, dann mit Einsatz seines ganzen Körpers.© Andreas Urban Wenn der Chef im Gespräch mit den Mitarbeitern lacht, dann mit Einsatz seines ganzen Körpers.© Andreas Urban

"Für Integration sind beide Seiten notwendig", weiß Staud aus Erfahrung. "Wenn ich Ihnen die Hand ausstrecke und Sie nehmen sie nicht, bekomme ich einen Krampf." Für sein Engagement in Sachen Integration bekam Staud 2011 den Integrationspreis verliehen. Die Auszeichnung, die ihn sehr überrascht und gefreut habe, steht im Shop am Yppenmarkt in der Auslage.

Sein Grätzel, in guten wie in schlechten Zeiten
Im Grätzel rund um den Markt ist er aufgewachsen. Freundschaftlich sagen viele der anderen Standler "Chef" zu ihm, "weil sie sich nicht ‚du‘ sagen trauen, jetzt sagen sie aus Respekt ,Chef‘ und ,Sie‘ zu mir". Er sagt ihnen immer wieder, dass sie Deutsch lernen müssen, weil deutschsprachige Kunden etwa wissen wollen, wie sie das Gemüse am besten zubereiten sollen. "Aber wenn er dann sagt, dass er von früh bis spät am Markt arbeitet und am Abend keinen Kopf mehr hat für einen Kurs, was soll man da sagen?" Irgendwie funktioniere es aber, er habe den Eindruck, dass es weniger Streitereien gibt als früher.

Jeden Samstag steht er zwischen 8 und 12.30 Uhr mit seiner Mitarbeiterin hinter der Budl im Shop am Markt und bedient die Kunden. Auch mit ihnen kommt er schnell und gerne ins Gespräch. "Das Lokal ist das beste Marktforschungsinstitut, das es gibt." Vor kurzem hat er wieder etwas Neues ausprobiert, Pina-Colada-Marmelade. Damit hat er 200 kleine Gläser abgefüllt und diese den Kunden geschenkt. "Mit der Bedingung, dass sie mir sagen, wie es ihnen geschmeckt hat."

Gern hat er seinen Stand hier, auch wenn er es nicht immer leicht hatte. Im Jahr 2000 beschloss er, den alten Pavillon niederzureißen und neu aufzubauen, da er schon sehr baufällig war. Damals wurde er wieder sehr gehänselt, als "narrisch" ausgelacht, weil er nicht auf den Naschmarkt gehen wollte, wo er dort doch so viel mehr hätte verdienen können. Er ist gerne hier, "es ist so eine urschöne Mischkulanz", die er nicht missen möchte.

Deswegen wollte er auch mit seiner Firma nicht in ein Industriegebiet am Rande der Stadt abwandern, sondern mietete sich in einer Fabrikshalle in der Hernalser Steinergasse ein. Die Erweiterung wurde notwendig, erzählt Staud, weil er mit dem Marmeladenkochen nicht mehr nachgekommen ist, da musste auch am Wochenende gearbeitet werden. Jetzt wird die Nachfrage mit den beiden Produktionen unter der Woche gestillt, am Wochenende haben er und seine Mitarbeiter nun wieder Ruhe.

Das Um und Auf mit dem Vakuum
"Die Anrainer haben sich schon beschwert", erklärt er vor dem Haus in der Steinergasse, "dass sie meine Marmelade nicht riechen. Aber das ist gut so, denn was sie riechen, das ist ja dann nicht mehr im Glas!" Und da gehöre das Aroma schließlich hin.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-01-17 22:14:08
Letzte nderung am 2014-01-17 22:17:13




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