• vom 13.10.2014, 17:35 Uhr

Stadtleben

Update: 13.10.2014, 18:02 Uhr

Interview

Die Stadt in Zeiten der Krise




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Von Saskia Blatakes

  • Architekt Stavros Stavrides über das Recht auf Stadt und die Gefahr des Rückkehrs des Faschismus.

"Wir können noch nicht sagen, wohin sich die neuen Formen der Solidarität entwickeln", sagt Stavrides. - © corbis

"Wir können noch nicht sagen, wohin sich die neuen Formen der Solidarität entwickeln", sagt Stavrides. © corbis

Wien. Der Athener Stadtforscher Stavros Stavrides schildert im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", wie sich die Nutzung des öffentlichen Raumes in einer Stadt in Zeiten der Krise wandelt.

Information

Zur Person

Stavros Stavrides

ist Professor für Architektur an der Technischen Universität Athen. Zuletzt sprach er in Wien im Rahmen des Stadtforschungs-Festivals "Urbanize".


"Wiener Zeitung":Auch in Wien werden öffentliche Gebäude und Einrichtungen an private Investoren veräußert. In Griechenland haben wir es aber mit einer tiefer greifenden Entwicklung zu tun. Sie sprechen von einer "Zerstörung des öffentlichen Raumes" . . .

Stavros Stavrides: Ich denke, dass es bei der Privatisierung nicht nur darum geht, öffentliches Eigentum zu verkaufen, das eigentlich der Allgemeinheit gehört. Es wird nicht nur ein Gebäude oder ein Zug verkauft, sondern alles, was im Dienste der Gesellschaft geschaffen wurde. In Athen wurde die Möglichkeit zerstört, Güter, Ressourcen und Leistungen zu nutzen, die lebensnotwendig sind für das Überleben der Gesellschaft. Das passiert in Form einer kollektiven Enteignung, von der nur sehr wenige profitieren. Das Vermögen, das wir alle gemeinsam erarbeitet haben, bekommen jetzt vor allem die Banken. Diese Tendenz gibt es in ganz Europa, aber in Griechenland hat es verheerende Ausmaße erreicht. Der Wohlfahrtsstaat wird überall zerstört, und zwar von oben. Wir müssen Widerstand leisten und ihn wiederaufbauen - von unten.



In Ihrer jüngsten Veröffentlichung schreiben Sie, die Krise sei eine Chance, die Stadt als ein "kollektives Kunstwerk" zurückzuerobern.

Der französische Philosoph Henri Lefebvre beschrieb die Stadt als Kunstwerk, das von den Bewohnern gemeinsam erschaffen wird, und prägte die Idee, dass alle Bürger ein "Recht auf Stadt" haben. Im Zuge der Krise haben wir den Zugang zur Stadt verloren. Viele Güter, die eigentlich zur urbanen Umgebung gehören, waren auf einmal nicht mehr verfügbar. Aber das "Recht auf Stadt" geht viel weiter. Gemeint ist das Recht, das eigene Leben selbst gestalten zu können - in einem kollektiven, solidarischen Prozess. In der Krise wächst die Solidarität und das bietet eine Möglichkeit, wieder an diese alte Hoffnung anknüpfen, die Stadt und unser Leben wieder selbst herstellen zu können.

Sie sprechen auch von einer Neubestimmung des öffentlichen Raumes.

Ein wichtiger Wendepunkt war die Besetzung des Syntagma-Platzes im Zentrum Athens. Es waren sehr viele Menschen dort, mit ganz unterschiedlichen Erwartungen. Aber sie konnten das alles gemeinsam erleben - das war die Magie von Syntagma. Solidarität war kein angekündigtes Konzept, sondern es wurde im Prozess von allen gemeinsam entwickelt. Das konnten wir auch bei den Demonstrationen am Tahrir-Platz in Ägypten, im Gezi-Park in der Türkei oder bei der Occupy-Bewegung in Amerika und an vielen anderen Orten des Widerstands beobachten.

Die Krise hat in Griechenland viele solidarische Initiativen hervorgebracht, wie zum Beispiel die "Klinik der Solidarität", eine selbstverwaltete Gesundheitsambulanz. Ist das ein vorübergehender Trend oder Zeichen einer nachhaltigeren Entwicklung?

Schwer zu sagen. All diese Initiativen passieren in einer Zeit, die sehr risikoreich ist. Die Menschen setzen sich realen Gefahren aus. Die Polizei interveniert immer wieder, Initiativen wie der Markt ohne Zwischenhändler werden ganz einfach verboten. Der Staat interveniert gegen diese Solidarität und Formen der Selbstorganisation. Auch die Syntagma-Besetzung wurde bekämpft und erfolgreich zerschlagen.

Die besetzte öffentliche Sendeanstalt ERT wurde letztendlich innerhalb einer Stunde einfach geschlossen und stattdessen sind sehr autoritäre Formen öffentlicher Medien entstanden. All diese Initiativen, die während der Krise entstehen, haben für die Menschen also mit sehr großen Risiken zu tun. Unser Leben ist unsicher, nichts ist mehr vorhersagbar. Es ist ja nicht so, dass wir alle Jobs haben und finanziell abgesichert sind und dann in unserer Freizeit politisch aktiv werden. Nein. All diese Aktionen sind mit unseren alltäglichen materiellen Problemen verbunden.

Wie haben Sie selbst als Professor an der Technischen Universität Athen die Auswirkungen der Austeritätspolitik erlebt?

Sehr deutlich. In den vergangenen drei Jahren wurden unsere Gehälter um 35 Prozent gekürzt. Noch gibt es ja öffentliche Hochschulen, und der Staat ist laut Verfassung auch verpflichtet, diese zu erhalten. Aber ihnen wird die finanzielle Grundlage entzogen. Die Demokratie an den öffentlichen Universitäten wird durch neue administrative Regelungen extrem begrenzt. Der Staat bekämpft öffentliche Bildung auf allen Ebenen. Erst vor kurzem gab es bei uns einen Streik, von einem Tag auf den anderen sollte die Hälfte des Verwaltungspersonals entlassen werden. Auch wenn man für einen Moment außer Acht lässt, dass so viele Menschen arbeitslos werden - wie soll eine Universität funktionieren, die gezwungen ist, mit der Hälfte seines administrativen Personals auszukommen? Es ist unmöglich, ein Kollaps wäre die Folge. Andauernd heißt es: Ihr müsst privatisieren, verkaufen. Doch dann sind wir keine öffentliche Universität mehr, sondern etwas ganz anderes.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-10-13 17:38:10
Letzte ńnderung am 2014-10-13 18:02:58




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