• vom 10.01.2015, 15:00 Uhr

Stadtleben


Mitten in Wien

Das Häferl immer voll




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Von Isabella Lechner

  • Seit 2002 betreibt die Stadtdiakonie Wien das "Häferl" - rund 200 Menschen bekommen hier ein kostenloses Menü.

Jeder Gast nimmt sich Besteck, sucht sich einen Platz und bekommt sein Essen serviert.

Jeder Gast nimmt sich Besteck, sucht sich einen Platz und bekommt sein Essen serviert.© Luiza Puiu Jeder Gast nimmt sich Besteck, sucht sich einen Platz und bekommt sein Essen serviert.© Luiza Puiu

Wien. Geduldig wartet die Traube Menschen vor dem Gartentor in der Hornbostelgasse auf Einlass. Punkt zwölf öffnet ein Zivildiener den Eingang am Ende der kleinen Sackgasse - von Besuchern des "Häferl" in "Straße der Verlierer" umbenannt. Der Strom hungriger Personen schlängelt sich über den schmalen Weg zur Gaststube unter der Evangelischen Kirche. Ein warmer Ort und eine warme Mahlzeit erwarten sie - für viele keine Selbstverständlichkeit.

Seit 2002 betreibt die Stadtdiakonie Wien die karitative, niederschwellige Einrichtung. 1988 von Gefangenenseelsorgerin Gerlinde Horn als Treffpunkt für Randgruppen mit Schwerpunkt Haftentlassene gegründet, ist heute jeder, der Hunger hat, im "’s Häferl" willkommen: Rund 200 Menschen bekommen hier an jeweils vier Tagen pro Woche ein kostenloses Menü mit Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise. "Und es werden immer mehr", sagt "Häferl"-Leiter Norbert Karvanek: "An manchen Sonntagen sind es schon 350."

Information

’s Häferl
6., Hornbostelgasse 6
Tel. 01/5974080 od. 0676/9723522

Spendenkonto:
IBAN: AT66 3200 0001 0747 7417, Kontoname: Stadtdiakonie ’s Häferl

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Die meisten Gäste im "Häferl" sind wohnungs- und/oder arbeitslos, Sozialhilfeempfänger, Pensionisten am Existenzminimum, armutsgefährdet, viele "Armutsmigranten" aus Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Tschechien und der Slowakei, Wirtschaftsflüchtlinge ohne Chance am österreichischen Arbeitsmarkt. Das "Häferl" ist für sie auch Ort der Begegnung. Bei Bedarf bekommen sie gespendete Kleidung, gute Ratschläge und immer ein offenes Ohr. Es gibt ein kreatives Schreibprojekt und jeden zweiten Donnerstag im Monat laden Autoren zu Lesungen mit Publikumsbeteiligung. Der "Eintrittspreis": ein kultureller Beitrag oder eine Essensspende fürs Buffet.

Spenden von der "Wiener Tafel"
In dem kleinen Vorraum zur Gaststube verteilen ehrenamtliche Helfer die Nachspeise aus übereinandergestapelten Paletten. Jeder bekommt eine Banane, einen Apfel, eine Mehlspeise in die Hand - je nachdem, was an dem Tag gespendet wurde. Die meisten Lebensmittel kommen von der "Wiener Tafel". "Oft weiß ich vorher nicht, was ich am nächsten Tag kochen werde - das hängt davon ab, was wir von der ,Tafel‘ kriegen", sagt Chefkoch Karvanek. Der Speiseplan erfolge entsprechend "nach Bauch".

Heute gibt es Backerbsensuppe und Hascheehörnchen in Bottichen so groß wie Kinderbadewannen. Gearbeitet wird auf engstem Raum. An Sonntagen, wenn der Ansturm am größten ist, muss auf die Suppe aus Platzgründen verzichtet werden. Die Küche ist gerade mal groß genug, dass zwei Leute gleichzeitig drinnen arbeiten können. Auf einer Seite wird gekocht, auf der anderen stehen 80 Teller und die fertigen Speisen zum Servieren bereit. Sind die 80 weg, kommt ein Stapel mit jeweils 20 neuen dazu. "So können wir abschätzen, wie viele Gäste uns besuchen und besser kalkulieren", sagt Karvanek. Die finanziellen Ressourcen sind knapp, Geld- und Lebensmittelspenden werden dringend gebraucht. Die Summe an warmen Essensportionen wuchs in den vergangenen zwei Jahren um mehr als das Doppelte, von 14.067 auf 35.750. Seit 2004 hat sie sich versiebenfacht. 800 Euro ist das Monatsbudget für den laufenden Betrieb. Das Justizministerium unterstützt die Einrichtung mit 8000 Euro jährlich; die Pfarre übernimmt die Miete und einen Teil der Betriebskosten.

Alle Mitarbeiter bis auf Chef Norbert Karvanek arbeiten ehrenamtlich. Sieben "Freiwillige" gehören zum fixen Team, plus zwei Zivildiener. Daneben gibt es einen "Pool" an ehrenamtlichen Mitarbeitern, die stundenweise ihre Zeit zur Verfügung stellen, um mitzukochen, fürs "Häferl" zu backen, Essen auszuteilen. Hilfe wird immer gebraucht. "Besonders Facebook ist sehr nützlich, um uns mit Ehrenamtlichen zu vernetzen oder für Sachspendenaufrufe", sagt Karvanek. "So hatten wir zum Beispiel im kalten Winter 2012, als wir spontan einen Sieben-Tage-Notdienst einrichteten, sofort 25 freiwillige Helfer." Auch ehemalige Häferl-Gäste finden hier immer wieder eine neue, sinnerfüllte Aufgabe.

Respekt und Wertschätzung
Im freundlich gestalteten Speisezimmer herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. An den Wänden bunte Bilder, im Aquarium kleine Zierfische. Bis 17 Uhr gibt es durchgehend Essen, an Sonntagen bis 16 Uhr. Immer 44 Gäste können gleichzeitig speisen. Jeder, der kommt, nimmt sich Besteck und sucht sich einen Platz an einem der mit Tischtuch, Brotkörben und Wasserkrügen gedeckten Tische. Getränke kosten 50 Cent. Das Essen wird jedem Besucher persönlich serviert, das Geschirr wieder abserviert. Fast wie im Kaffeehaus. "Das ist uns wichtig, weil wir den Gästen damit Respekt und Wertschätzung entgegenbringen", erklärt Karvanek, der sich selbst als "Armenwirt" bezeichnet. Aber auch das Einhalten von Grundregeln seitens der Gäste sei wichtig: kein Alkohol, keine Drogen. Durch seine Strenge läuft der Betrieb. Seit 2002 arbeitet der gelernte Konditor schon im "Häferl". Ein Freund von den Donnerstagsdemos habe ihn damals hierher mitgenommen, "weil der Kaffee günstig ist". Auch Norbert Karvanek ist ein ehemaliger Gast, der hier eine neue Aufgabe gefunden hat. Eine Lebensaufgabe, hinter der er mit voller Überzeugung steht. Und eine zweite Chance: Mit 23 musste er selbst fünf Jahre wegen Körperverletzung in den "Häfen". Er weiß, was es bedeutet, am Rand zu stehen.

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Mitten in Wien, s'Häferl

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-09 16:47:04
Letzte nderung am 2015-01-09 17:12:02




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