• vom 12.04.2015, 09:00 Uhr

Stadtleben


Tierprparator

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Von Solmaz Khorsand

  • Einst als Leidenschaft perverser Großwildjäger verschrien, erfährt die Tierpräparation heute ein Revival. Das Naturhistorische Museum eröffnet am 15. April die erste Ausstellung über die Arbeit der Männer und Frauen mit der scharfen Klinge.

Wer ein sauberes Skelett will, lässt besser die Speckkäfer ran. Denn sie sind effizienter als jede Maschine. - © Luiza Puiu

Wer ein sauberes Skelett will, lässt besser die Speckkäfer ran. Denn sie sind effizienter als jede Maschine. © Luiza Puiu

Wien. Es ist leicht, eine Leiche verschwinden zu lassen. Zuerst muss die Haut ab. Dann muss das Fleisch von den Knochen geschnitten werden. Am besten in großen handlichen Portionen, damit es sich gut entsorgen lässt. Dann geht es an die Feinarbeit. Dafür braucht man Komplizen. Dutzende. Sie knabbern die letzten Fleischfetzen von den Rippen. Übrig bleibt nur noch ein nacktes, sauberes Skelett. Und das schenkt man dann der Forschung.

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"Die Präparierte Welt" eröffnet am 15. April im Naturhistorischen Museum. Die internationale Tagung findet zwischen 21. bis 25. April statt.


Tausende Felle und Tiere sind im Tiefspeicher des Museums. Nichts wird
weggeschmissen, erklärt Gerhard Hofmann.

Tausende Felle und Tiere sind im Tiefspeicher des Museums. Nichts wird
weggeschmissen, erklärt Gerhard Hofmann.
© Luiza Puiu Tausende Felle und Tiere sind im Tiefspeicher des Museums. Nichts wird
weggeschmissen, erklärt Gerhard Hofmann.
© Luiza Puiu

So würde Robert Illek eine Leiche verschwinden lassen. Der rundliche Mann lacht, wenn er dem Besucher seine potenziellen Komplizen vorstellt. Er führt in den Keller des Naturhistorischen Museums. Hier in einer warmen Kammer liegen sie in großen Kisten übereinander gestapelt. Es sind Speckkäfer. Dutzende von ihnen machen sich gerade über einen Vogelkadaver her. Streng riecht es und bedrohlich sieht es aus, wie sich die schwarzen Käfer über den kaum noch erkennbaren Vogelkörper hermachen.

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Illek grinst. Der 50-Jährige weiß, dass sein Beruf die eine oder andere Horrorfantasie beflügelt. Das Blut, die Haut, das Fleisch, die stählernen Seziertische und die Käfer. Nicht umsonst besuchen ihn gelegentlich Krimiautoren, um sich Inspiration für ihre Plots zu holen.

Robert Illek ist Tierpräparator. Seit zehn Jahren leitet der gebürtige Steirer die Zoologische Hauptpräparation im Naturhistorischen Museum. Dieser Tage hat er viel zu tun. Während Volksschullehrerinnen hilflos Massen von Kindern durch das Museum scheuchen, trägt Illek mit seinen Kollegen ausgestopfte Zebras und Nashörner durch die Flure. Am Mittwoch, den 15. April, wird die Ausstellung "Die Präparierte Welt" eröffnet. Für Illek geht damit ein Traum in Erfüllung. Zum ersten Mal steht die Welt der Präparatoren im Mittelpunkt. Auf 400 Quadratmeter wird gezeigt, wie er und seine Kollegen heute arbeiten und wie es seine Vorgänger vor 200 Jahren getan haben. Was ihre Arbeit für die Forschung und die Wissenschaft bedeutet und wie sehr sich die Männer und Frauen eigentlich als Künstler und Handwerker begreifen und weniger als die schrulligen Eigenbrötler, die Nacht für Nacht in dunklen Kellern Tiere ausnehmen und Heere von Eichhörnchen ausstopfen - so wie der für die Massen berühmteste Vertreter ihrer Zunft: der wunderliche Hausmeister aus der amerikanischen Arztserie "Scrubs".

Robert Illek streichelt den längst ausgestorbenen Terrorvogel.

Robert Illek streichelt den längst ausgestorbenen Terrorvogel.© Luiza Puiu Robert Illek streichelt den längst ausgestorbenen Terrorvogel.© Luiza Puiu

Die Ausstellung will auch zeigen, dass Museum mehr sein kann als verstaubte Relikte hinter dickem Glas und Absperrbändern. Dass es auch manchmal nach Blut riecht und man sich schon einmal die Hände schmutzig machen muss für die Wissenschaft.

Ein bisschen Gott spielen
"Das Huhn in der Küche stinkt genauso wie der Tragopan, den wir präparieren. Ich sage immer: Wir ziehen die Haut ab und schmeißen das Fleisch weg. In der Küche wird das Fleisch gegessen. Das ist noch ärger", meint Robert Illek während er durch die Ausstellung führt. Auf einem Bildschirm werden Bilder aus dem Alltag der Präparatoren eingeblendet. Aufgeschlitzte Affenkörper werden da gezeigt, Knochengerippe, an denen noch Fleischfetzen hängen. Dazwischen immer wieder Sequenzen von einem blutverschmierten Messer. "Das brauche ich nicht verheimlichen. Wir machen ja keine Blutorgien", sagt er, "Das ist unsere ganze normale Arbeit." Sieben Präparatoren hat Illek in seinem Team. Im Erdgeschoß des Naturhistorischen Museums arbeiten sie in ihrer Werkstatt. In der Regel bereiten sie die Haut - den "Balg" - und Skelette der Tiere vor. Mehr verlangen die Wissenschafter aus dem ersten Stock nicht. Ein ganzes Tier präparieren sie selten. Das kommt vielleicht fünf Mal im Jahr vor. Dann dürfen sie ein bisschen Gott spielen. Die Haut abziehen und den Schaumstoff für den Fuchs, den Bären, die Giraffe für die Ewigkeit zurechtschleifen und schnitzen, sodass das abgezogene Fell richtig drübergeht und es aussieht wie echt.

Regelmäßig geht Illek in den Zoo. Er will sehen, welche Augenfarbe die Tiere haben, die Form der Pupille inspizieren, beobachten, wie sie atmen, fressen und sich bewegen. Nur dann kann er sie für die Ewigkeit festhalten. Nämlich so, wie sie tatsächlich gelebt haben. Die meisten Tiere im Museum stammen aus dem Zoo, sie sind an Altersschwäche gestorben oder bei Unfällen ums Leben gekommen. So wie damals der Elefant, der für seine Nagelzehoperation nicht mehr aus der Narkose erwacht ist, und Illek bis Mitternacht im Gehege im Tiergarten Schönbrunn vier Tonnen Fleischmasse herummanövriert hat, um die Elefantenhaut abzuziehen. Oder das Nilpferd, das in seinem Becken zu Tode gekocht wurde, weil der Lehrling vergessen hatte, am Abend zuvor die Heizung abzudrehen.

Schlechter Geschmack
Die Präparation hat eine lange Tradition in Österreich. Während des 18. Jahrhunderts war die Taxidermie oder die Dermoplastik - wie die Konservierung genannt wird - der letzte Schrei. Je besser die Techniken und die Aufbewahrungsmethoden wurden, umso beliebter wurde auch das Präparieren der Tiere im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, schreibt der Autor Alexis Turner in seinem Buch "Ausgestopft". Vor allem die Aristokratie wollte sich auf ewig an ihrer Beute ergötzen, die sie bei der Jagd geschossen hatte. Der Erfolg auf der Pirsch sollte schließlich dokumentiert werden und wie sollte das besser gelingen als an der Wand, am besten mit fletschenden Zähnen, um der ganzen Welt zu zeigen, was für eine Bestie der tapfere Jäger da erlegt hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor man zunehmend das Interesse an den toten Tieren. Ein Hirschkopf im Vorzimmer war nicht länger edel, sondern ein Zeichen von schlechtem Geschmack, gar Dekadenz, ein Hobby perverser Großwildjäger, die mit ihren Schemeln aus Elfantenhaut und den Aschenbechern aus Schildkrötenpanzern protzten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-10 16:41:09
Letzte nderung am 2015-04-10 18:40:40




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