• vom 15.07.2008, 19:03 Uhr

Stadtleben


Knalleffekt bei heiklem Bauprojekt: Nach Bedenken des Denkmalamtes nun Neustart nötig

Augarten: Sängerknaben-Saal muss völlig umgeplant werden




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Von Christian Mayr

  • Bundesdenkmalamt erzwingt Erhalt des Barock-Ensembles.
  • Projekt verzögert sich und schrumpft.
  • Kurswechsel auch durch Neo-Chef Nettig.
  • Wien. Knalleffekt im Endlosstreit um den Sängerknaben-Konzertsaal im Wiener Augarten: Das bereits fix und fertig geplante Millionenprojekt muss nun zurück an den Start und völlig umgeplant werden - denn nur wenn es sämtliche Denkmalschutz-Auflagen erfüllen kann, wird es eine Baugenehmigung geben. Damit kommt der bisher vorgesehene Abriss des Barock-Ensembles am sogenannten südlichen Augarten-Spitz definitiv nicht mehr in Frage.

Diese plötzliche Kehrtwende wird der "Wiener Zeitung" im Bundesdenkmalamt bestätigt: "Die Sängerknaben haben von sich aus ihre Einreichung zurückgezogen und eine neue Planung avisiert. Dabei wird das gesamte Ensemble erhalten bleiben", erklärt Elisabeth Hudritsch, zuständige Referentin des Wiener Landeskonservatorats. Wie mehrfach berichtet, hätten nach bisheriger Planung sowohl das barocke Gesindehaus (Bild unten) als auch Teile der Augartenmauer dem Neubau weichen müssen - was sowohl bei Denkmalschützern als auch bei Anrainern heftige Proteste ausgelöst hatte. Auch eine Parkbesetzung wurde angedroht. "Jetzt muss der Neubau nach hinten rücken. Das geht natürlich auf Kosten von Fläche, weil das Gesindehaus integriert werden muss", sagt Hudritsch.

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Sie ist über die neue Entwicklung im Augarten jedenfalls höchst erfreut: "Aus Sicht des Denkmalschutzes ist dies sehr positiv und begrüßenswert." Freilich dürften die Sängerknaben nicht ganz freiwillig den Rückzug angetreten haben: Mit der kürzlich erfolgten Bestellung von Barbara Neubauer zur neuen Denkmalamts-Präsidentin dürfte der Druck auf die Bauwerber enorm gestiegen sein; schließlich stellte die bisherige Wiener Landeskonservatorin gleich bei Amtsantritt eine Prüfung der Causa durch den unabhängigen Denkmalbeirat in Aussicht, der wohl zu einer negativen Stellungnahme gekommen wäre. Und durch den Abgang von Neubauer-Vorgänger Wilhelm Georg Rizzi als Präsident verloren die Sängerknaben einen wichtigen Fürsprecher. Wie berichtet, regte sich darob innerhalb des Denkmalamtes heftiger Widerstand - ein Abriss sei politisch motiviert und fachlich nicht vertretbar, lautete die Kritik.

Laut Hudritsch hätten die Architekten bereits erste Skizzen für eine Neuplanung vorgelegt. "Damit kann man ganz gut ans Ziel kommen. Das Ganze ist aber nicht einfach", gesteht sie. Kleinere Eingriffe in die denkmalgeschützte Bausubstanz seien nicht ausgeschlossen: "Im Grunde ist das Gesindehaus jedoch als Ganzes zu erhalten."

Baustart frühestens 2009

Durch den Neustart wird sich der Konzertsaal weiter verzögern: War ursprünglich ein Baubeginn für Frühjahr 2008 anvisiert, so rückt dieser mindestens ein Jahr nach hinten: "2008 geht sich sicher nicht mehr aus", sagt Architekt Johannes Kraus vom beauftragten Büro "Archipel". Dafür rechnet er mit keinen Mehrkosten: "Die Sicherung des Gesindehauses kostet zwar etwas mehr, dafür wird der Neubau billiger." Projektiert sind laut Sängerknaben-Mäzen Peter Pühringer 11 bis 12 Millionen Euro. Die Saal-Kapazität (430 Sitze) bliebe ebenso unverändert wie die Gebäudehöhe - einzig im Foyer käme es durch die Integration des Bestandes zu einer Flächenreduktion.

Kraus trägt den Auftrag zur Umplanung mit Fassung: "Die neue Architektur tritt jetzt in den Hintergrund. Die Historie dominiert - das ist vielleicht auch eine Chance." Letztlich hätte auch Neo-Sängerknaben-Direktor Walter Nettig für ein gemeinsames Vorgehen mit dem Denkmalamt votiert, um kein Negativ-Image aufzubauen. Dennoch rechnet Kraus mit weiteren Anrainer-Protesten: "Formalrechtlich haben wir jetzt eingelenkt. Die Anrainer sollen ruhig ihre ganzen rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen."



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2008-07-15 19:03:29
Letzte Änderung am 2008-07-15 19:03:00




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