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Stadtleben

Update: 17.02.2016, 18:05 Uhr

Graffiti

Vom Gangster zum Hipster




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Von Bernd Vasari

  • Vor zwei Jahren wurde der Sprayer Renato S. wegen seiner Puber-Tags zu 14 Monaten Haft verurteilt. Heute werden seine Werke in der HO Gallery ausgestellt.

Schmiererei für die einen, Kunst für die anderen sind die Tags von Sprayer Puber. - © Luiza Puiu

Schmiererei für die einen, Kunst für die anderen sind die Tags von Sprayer Puber. © Luiza Puiu

Wien. Schmiererei oder Kunstform. Geht es um Graffiti und Tags im Straßenbild, so bilden sich schnell die beiden gegensätzlichen Positionen, die seit jeher unversöhnlich einander gegenüber stehen. Vor zwei Jahren sorgte bei diesem Thema der Sprayer Puber für reichlich Diskussionsstoff. Mit seinem gleichnamigen rasch gezogene Schriftzügen überzog er weite Teile der Stadt. Hausfassaden, Geschäftslokale, Straßenbahnen und Kinderspielplätze. In einigen Grätzeln gab es scheinbar kein Objekt, auf dem nicht "Puber" stand.

Zum "Es ist Schmiererei"-Lager gehörten damals etwa Politiker wie der grüne Bezirksvorsteher von Neubau, Thomas Blimlinger. Er brachte eine Tafel an: "Lieber Puber, Zeichnungen von Kindern zu überschmieren, ist das Letzte." Auch die Behörden waren aufgrund der zunehmenden Beschwerden und Anzeigen vieler Wiener verärgert. Die Polizei soll sogar einen eigenen Polizisten für Ermittlungen gegen den Sprayer abgestellt haben.


Die Welt der
Bobos zerstört

In der Sprayerszene hingegen galt Puber für viele als ein Held, der rebelliert. "Es war schon cool, wie er die Latte-Macciato-Welt, also die Welt der Bobos, zerstört hat", sagte ein Sprayer zu den Tags, die vor allem die hippen Bezirke Neubau und Josefstadt zierten. Und weiter: "Das hatte schon ein bisschen etwas von Bonnie und Clyde. Man weiß, es ist böse, aber irgendwie mag man es trotzdem."

Anfang März 2014 wurde Puber alias Renato S. von der Polizei verhaftet. Im Juli 2014 wurde er dann zu 14 Monaten Haft wegen Sachbeschädigung verurteilt, davon vier Monate unbedingt.

Das war vor knapp zwei Jahren. Heute klicken statt Handschellen die Kameras. Ab Donnerstag werden Pubers Werke in der HO Gallery in der Wollzeile im 1. Bezirk ausgestellt. Der Titel der Ausstellung, die bis Mitte April läuft: "I Like to Write my Name on your Property".

Puber sei der einzige Sprayer in Wien, der im klassischen Stil gemalt hat, heißt es von einem Sprecher der Gallerie. Der Beginn von Streetart sei genauso rudimentär gewesen. Die Kosten der ausgestellten Werke belaufen sich auf 1500 Euro für ein Bild im 70x90-Format bis hin zu einer Leinwand, die für 10.000 Euro angeboten wird.

In der Graffiti-Szene gilt Puber als Krawallbruder, der auch gewalttätig sein kann. Zudem ist nun auf YouTube ein Trailer zu einem Film über Pubers Wirken aufgetaucht. Unter dem Titel "Mein Kampf vol.1 Trailer Puber" werden Ausschnitte gezeigt, wie unbekannte Sprayer Puber-Schriftzüge an Hauswände anbringen. Weiters wird Puber in dem Trailer als "Wichser" bezeichnet und sein Penis von einer Frau beurteilt.

Pubers Werk
verstehen

Kontrovers diskutiert und bad boy. Für Galerist Martin Ho die richtigen Voraussetzungen, um die Werke des Sprayers auszustellen. "Gebt Wien doch wieder ein bisschen Gesprächsstoff, ein bisschen Inhalt, um sich ‚aufzupudeln‘ oder am Ende des Tages Pubers Werk doch noch zu verstehen", sagte er vor kurzem. "Wir wollen zu einer offenen Diskussion zu Streetart beitragen."

Street Art und Bad Boys sind aber auch cool und hip geworden. Dazu zählt nun scheinbar auch Puber. Was vor zwei Jahren noch als Gegenpol zur Latte-Macciato-Welt galt, steht heute für eine sich inszenierende, avantgardistische Szene.

Eine Szene, die Martin Ho derzeit mit der Galerie sowie mit zwei Clubs, einem Cafe und zwei Restaurants aufmischt. Dass es in seinen Restaurants eine Wand gibt, auf der taggen ausdrücklich erwünscht ist, passt in das Bild.

Was Puber von all dem hält, könnte sich aus seinen Worten vor Gericht ableiten. Auf die Frage des Richters, was seine Motivation gewesen sei, den Schriftzug in ganz Wien zu hinterlassen, antwortete Renato S.: "Ich habe mir nichts dabei gedacht."

Ausstellung:

"I Like to Write my Name on your Property", 17. Februar bis Mitte April, HO Gallery, dienstags bis samstags von 10 bis 16 Uhr, Eintritt frei

Wollzeile 17, 1. Bezirk

www.ho-gallery.com/




Schlagwörter

Graffiti, Puber, Martin Ho

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-02-17 18:02:05
Letzte ─nderung am 2016-02-17 18:05:04




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