• vom 20.04.2016, 17:21 Uhr

Stadtleben

Update: 20.04.2016, 17:36 Uhr

AAI

Eine Institution sperrt zu




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Von Adisa Begic

  • Das Afro-Asiatische Institut im 9. Bezirk war ein Eckpfeiler für Studenten aller Hautfarben.

Das Afro-Asiatische Institut in der Türkenstraße wird von der Erzdiözese Wien aufgelöst. - © Stanislav Jenis

Das Afro-Asiatische Institut in der Türkenstraße wird von der Erzdiözese Wien aufgelöst. © Stanislav Jenis

Nikolaus Heger , Geschäftsführer des AAI, ist empört.

Nikolaus Heger , Geschäftsführer des AAI, ist empört. Nikolaus Heger , Geschäftsführer des AAI, ist empört.

Wien. "Hier im Afro hat man gelernt, miteinander zu leben. Hier hat es funktioniert", sagt Nikolaus Heger, Geschäftsführer des Afro-Asiatischen Instituts (AAI). Heger bereitet sich noch einen Espresso in der Küche im 1. Stock zu, bevor er zu erzählen beginnt. Seine Freundlichkeit und sein Lächeln können seine offensichtliche Nervosität aber nicht ganz verbergen. Ende Juni wird die Bildungsarbeit des im Alsergrund ansässigen Afro-Asiatischen Instituts eingestellt.

Fast jeder, der in Wien studiert oder studiert hat, verbindet mit dem hellblauen Gebäude in der Türkenstraße 3 vor allem eines: gutes Essen, auch für kleine Studentenbudgets. Das Institut war immer ein Eckpfeiler für Studenten aller Hautfarben, Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten. Das AAI umfasst ein Studentenheim mit Bewohnern aus 30 Nationen, das Café Afro, Veranstaltungsräume, einen Lesesaal, sowie Gebetsräume für verschiedene Glaubensrichtungen. "Im Afro ist die Vielfalt Wiens vertreten. Der Platz der Migranten ist in der Mitte der Gesellschaft und nicht am Rand", sagt Heger.

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Das Institut steckt seit Jahren in einer finanziell schwierigen Lage und konnte sich letztendlich nicht aus dieser retten. Da keine weiteren Finanzierungsmöglichkeiten durch Ministerien, Spenden, Eigenmittel oder kirchliche Gelder vorhanden waren, folgt nun die Schließung der Bildungseinrichtung. "Öffentliche Subventionen sind weggefallen beziehungsweise seit langem auf demselben Stand eingefroren, wobei die Kosten aber durch die Inflation gestiegen sind. Die Kirche kann daher den Betrieb des AAI, so wie er ist, auf Dauer nicht weiterführen", so der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, Michael Prüller.

Im Jahr 2000 gab es einen finanziellen Einbruch des Instituts. Durch das Streichen vieler Förderungen wurde die Kirche zum alleinigen Geldgeber. Im Jahr 2014 reichte das Institut Einsparungspläne bei der Erzdiözese ein. Diese wurden jedoch nicht akzeptiert. "Wir haben versucht uns über Wasser zu halten. Auf meine Warnung, dass wir uns in einer Schieflage befinden, hat man aber nicht reagiert", so Heger. Dennoch sei die Entscheidung der Erzdiözese überraschend gekommen. Die Bildungseinrichtung des Instituts werde geschlossen. Ein Institut ohne Bildungseinrichtung sei aber wie ein Restaurant ohne Essen, so Heger.

Räumlichkeiten
gehören Erzdiözese

Im Jahr 1959 wurde das Afro-Asiatische Institut von Kardinal Franz König gegründet. Die Räumlichkeiten sind somit eine Stiftung der Erzdiözese. Die Zweite Republik wurde immer interessanter für Studierende aus der ganzen Welt. Um ihnen die Orientierung und das Studentenleben in Wien zu erleichtern, diente das Institut als Plattform. Platz zum Wohnen bot das Studentenheim, warmes Essen gab es in der Mensa und im Lesesaal wurde gelernt. Im Laufe der Jahre entstand ein entwicklungspolitisches Bildungshaus, das den Dialog von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen förderte. Eine christliche Kapelle war zu Beginn der erste religiöse Raum des Gebäudes. Anfang der 1960er Jahre wurde der erste offizielle muslimische Gebetsraum im AAI errichtet, auf Initiative muslimischer Studenten.

Studierende aus Indien, Nepal und Bangladesch wollten ebenso einen eigenen Gebetsraum haben. Dazu wurde im letzten freien Raum des Gebäudes in den 1980er Jahren ein Hindu-Tempel errichtet. Der Hindu-Tempel war der erster dieser Art in Wien. So befinden sich in den Räumlichkeiten nebeneinander eine christliche Kapelle, eine Moschee und der Hindu-Tempel.

Wie sieht die Zukunft des restlichen Hauses aus, wenn die Bildungsarbeit des Instituts eingestellt wird? "Das Café und die Mensa sind von der Schließung nicht betroffen. Die Gebetsräume bleiben noch bis Ende 2016 erhalten, was dann passieren wird, ist noch unklar", erzählt Heger. Gerne erinnert sich der Geschäftsführer des Instituts an die Erfolge des Bildungsprogramms. Zahlreiche Vorträge, Workshops und Lesungen wurden im Rahmen dessen abgehalten. 2014 bot das Institut insgesamt 170 Veranstaltungen an, vom universitären Bereich bis zum Gemeindebaufest. "Wir haben das Projekt ‚Face to Face‘ ins Leben gerufen auf das ich besonders stolz bin. Studenten veranstalten Workshops oder Seminare und sprechen über die politische, gesellschaftliche, soziale und ökonomische Situation in ihren Herkunftsländern", sagt Heger. Die Hintergründe des Projekts lagen einerseits bei der Finanzierung der Studenten durch Stipendien, andererseits wollte man Experten aus den jeweiligen Ländern sprechen lassen. So konnten vor einigen Jahren 70 Studenten finanziell unterstützt werden.

Weiters war der Verlag aa-infohaus in die Bildungsarbeit eingebettet. Autoren aus dem afrikanischen und asiatischen Raum hatten so die Möglichkeit ihre Werke auf Deutsch zu publizierten. "Dadurch wollten wir Betroffene erzählen lassen, so mehr Vertrauen gewinnen und Vorurteile abbauen. Mit einer anderen Sicht auf die Welt, kann man gegenseitig voneinander lernen", sagt Heger.

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Schlagwörter

AAI, Studenten, Mensa, Essen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-20 17:26:05
Letzte ─nderung am 2016-04-20 17:36:29




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