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Update: 09.06.2016, 15:28 Uhr

Prater

Die Familie Kobelkoff




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Von Clemens Marschall

  • Der Prater feiert 2016 seinen 250. Geburtstag: "Unbekannte Pratergschicht’n" Teil XIX.

20160609Prater

20160609Prater© Klaus Pichler 20160609Prater© Klaus Pichler

"Ich bin ja im Prater aufgewachsen. Hier war ein Märchenkarussell und daneben eine kleine Schießbude von meiner Tante", erzählt Nikolaj Pasara, der Ururenkel des legendären Rumpfmenschen und Praterunternehmers Nikolai Kobelkoff bei Sonnenschein im Prater. Heute gehört ihm selbst eine Schießbude, hinter der er mit seiner Frau und drei Kindern wohnt: gelebte Pratertradition. "Ich erinnere mich sehr gern an meine Kindheit im Prater. Mein Großvater Otto Kobelkoff, also der Enkel von Nikolai Kobelkoff, hatte auch Fahrgeschäfte. Da hat mein Vater noch gearbeitet und ich hab schon als Kind in seiner Schießbude die Dosen aufgestellt, die Bälle zurechtgelegt – so, wie das meine Kinder heute auch bei mir machen."

Nach einer mehrjährigen Prater-Auszeit, in der er die Matura nachgemacht hat und als Hauptschullehrer tätig war, ist Nikolaj Pasara seit etwa zehn Jahren wieder zurück im Prater: "Wenn man hier aufwächst, hängt man natürlich daran. Ganz weggekommen bin ich nie vom Prater, auch nicht, als ich unterrichtet habe." Daran Schuld: Nikolai Wassiljewitsch Kobelkoff, der 1851 in Russischen Kaiserreich im Gouvernement Orenburg geboren wurde. Seine Mutter hatte zuvor schon 15 "normale" Kinder geboren – doch Kobelkoff kam ohne Arme und Beine zur Welt. Der intelligente und geschickte Bub lernte schnell, sich mit den Umständen zu arrangieren, wie im "Wochenblatt" vom 14. Dezember 1957 steht: "Als Nikolai Kobelkoff zwei Jahre alt war, sah eines Tages seine Mutter zu ihrer maßlosen Überraschung, wie sich der Kleine ihr mit sprunghaften Bewegungen näherte. Der Rumpfmensch hatte seine ersten ‚Schritte‘ getan. Nach einem Jahr spielte er schon mit den Kindern der Nachbarn, und jedermann sprach davon, dass Nikolai Kobelkoff ‚laufen‘ und ‚springen‘ könne." Mit sieben ging er in Minsk zur Schule, galt als scharfsinnig und fleißig, und konnte bald schöner schreiben als viele Mitschüler: den Federstiel hielt er zwischen Armstumpf und Kinn. Nach der Schule arbeitete er als Schreiber und lernte, zusätzlich zu Russisch, Deutsch und Französisch. Kobelkoff wurde zeit seines Lebens ca. 80 cm groß und 60 kg schwer.

Information

Die Serie "Unbekannte Pratergschicht’n" von Clemens Marschall und seinem Berater Robert Kaldy-Karo erscheint zum runden Prater-Jubiläum wöchentlich in der Wiener Zeitung und beleuchtet eher obskure Nebenstränge der Geschichte des Praters. Gerade erschienen ist außerdem Kaldy-Karos Archivbildband "250 Jahre Prater" im Sutton Verlag. Wer darüber hinaus in die Materie eintauchen möchte, dem sei ein Besuch
der aktuellen Sonderausstellung "250 Jahre Wiener Prater" im Circus- und Clownmuseum Wien (Ilgpl. 7, 1020 Wien) empfohlen. Nähere Infos finden Sie auf www.circus-clownmuseum.at

Hinaus in die Welt

Nikolaj Pasara erzählt über seinen Ururgroßvater und dessen unbändige Neugier: "Er wollte unbedingt Moskau sehen und bat seine Familie darum, in die ‚große weite Welt’ hinaus ziehen zu dürfen." Die Erlaubnis dazu bekam er 1870, und daraufhin reiste er mit dem Postschlitten, der von zwölf Hunden gezogen wurde, und einem Begleiter ab. Nikolai Kobelkoff sollte nie wieder zurückkehren. Nikolaj Pasara erzählt Details zu dieser imposanten Reise: "Über Kasan und den Schiffsweg über die Wolga kamen sie bis nach Moskau. Kobelkoff gab seine ersten Auftritte in Moskau im Theater ‚Berg’ für 20 Rubel pro Abend. In der Folge gab er Vorstellungen in allen Ecken des Zarenreichs, von Moskau bis Jekaterinburg, von Odessa bis nach Sankt Petersburg. Über Riga kam er dann nach Helsinki und weiter nach Uppsala, Norrköping, Göteborg und Malmö. In Norwegen bereiste er Hamar und Kristiansand und fuhr dann per Schiff nach Dänemark. Hier hielten ihn Engagements für ein Monat in Aarhus und Odense fest, bis er schließlich nach Kopenhagen kam." Dort arbeitete er als Rumpfkünstler am Tivoli und traf unter anderem auch mit König Christian von Dänemark zusammen, der ihm eine seiner Doggen schenkte. Kobelkoff nannte diese ‚Tivoli’, so Nikolaj Pasara: "1875 trat Kobelkoff über die deutsche Grenze und debütierte in Hamburg für 150 Mark pro Woche. Hier lernte er den Wiener Impresario August Schaaf kennen, der ihn sofort für sein Etablissement im Wiener Prater engagierte." – eine nachhaltige Einladung.

In seinen Shows – und auch im Alltag – nahm Kobelkoff verschiedene Gegenstände mit seinen Zähnen und klemmte sie dann zwischen seinen rechten Armstumpf und sein Kinn. Auf der Bühne schoss er so mit einem Gewehr präzise auf eine Zielscheibe, malte live Bilder, die er nach den Vorstellungen verkaufte, und behauptete sich als Entfesselungskünstler. Man legte ihm auch ein Brett auf die Schultern, auf das sich drei Männer stellten, und Kobelkoff konnte sich als robuster Athlet beweisen. Seine Aktionen erforderten extreme Disziplin und Fleiß, was wahrscheinlich nicht von allen Zuschauern, aber doch von einigen mit ehrlichem Respekt und Bewunderung belohnt wurde. Das Österreichische Filmarchiv hat eine sensationelle Aufnahme von Kobelkoff aus dem Jahr 1900, wo man einen Teil seiner Aufführung in Paris sehen kann. "Das ist die einzige Filmaufnahme, die es von ihm gibt. Es gab mal ein Gerücht, dass er in Tod Brownings Film ‚Freaks’ mitgespielt hat, aber das stimmt nicht", so Nikolaj Pasara: "Er selbst hat auch abseits der Bühne gern gemalt, aber seine Bilder sind rar: Meine Schwester hat ein Original, ich hab auch eins – das hab ich derzeit Kaldy-Karo für sein Museum gegeben, wo es in der Praterausstellung zu sehen ist." Was darauf zu sehen ist? "Das können wir uns dort gerne anschauen." Gesagt, getan.

Mit dem Ururenkel ins Museum

Im Circus- und Clownmuseum, das einen Steinwurf entfernt am Ilgplatz im 2. Bezirk liegt, öffnet der Direktor Robert Kaldy-Karo freundlich die Tür und führt zu einer Vitrine, die Nikolai Kobelkoff gewidmet ist: Zu sehen ist nicht nur das bemerkenswert gemalte Wasserlandschaftsgemälde, sondern auch historische Fotos aus dem öffentlichen und privaten Lebens Kobelkoffs, sowie Sessel, Kostüm und Gewehr, die er in seinen Shows verwendet hat. "1875 hat ihn August Schaaf zum ersten Mal in den Wiener Prater geholt, wo er bald Anna Charlotte Wilfert kennenlernen sollte, die aus einer berühmten Schaustellerfamilie stammte", hakt Robert Kaldy-Karo ein. Er ist der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums im Stuwerviertel und hat die Prater-Ausstellung, die dort derzeit zu sehen ist, mitgestaltet.

Kobelkoff und Wilfert haben 1876 in Budapest geheiratet, erzählt Nikoaj Pasara weiter: "Sie haben um die Erlaubnis der russisch orthodoxen Kirche gefragt, und das nicht nur in Wien, sondern auch persönlich in Dresden. Nikolai Kobelkoff war ja russisch orthodox, bis zu seiner Vermählung, da wurde er dann evangelisch. Die Familie Wilfert war eine evangelische Familie und daher ließ sich Kobelkoff nach der Ablehnung durch die russisch orthodoxe Kirche dann in Budapest evangelisch trauen."

Bei der Zeremonie hat die Braut den Bräutigam auf ihren Armen zum Traualtar getragen, wo er ihr mit seinen Zähnen den Ehering ansteckte. Seinen Ehering hatte Kobelkoff dann immer in einem Ledertäschchen bei sich, das er um den Hals trug. Die beiden bekamen elf – normale – Kinder und 30 Enkel. Von den elf Kindern hatte jedes einen anderen Geburtstort, da die Familie vom Prater aus die ganze Welt bereiste: von Deutschland, Italien und Frankreich kamen sie bis Coney Island. Kobelkoff war eine zeitlang bei Barnum & Bailey aktiv, einem der bis heute größten und berühmtesten Zirkusunternehmen weltweit. Der ganze Familientross half bei den Tourneen zusammen und kümmerte sich gemeinsam um Auf- und Abbau, Kartenverkauf und sonstige Aufgaben. In den Wanderjahren spielten sich filmreife Szenen ab, wie im Wochenblatt zu lesen ist: "In dem Varieté, in dem er sich zeigte, war ein Brand ausgebrochen und Nikolai Kobelkoff war nicht imstande, sich in Sicherheit zu bringen. Der französische Riese Antoine Doué, der 2,48m groß war, hört seine Hilferufe und trug ihn aus dem brennenden Haus."

Sesshaft im Prater

Nikolai Kobelkoff, der später tatsächlich in Wien sesshaft wurde, war nicht nur gefeierter Artist, sondern auch geschickter und tüchtiger Unternehmer: Er betrieb den legendären Toboggan und die Manege Parisienne. Barbara Büchner schreibt im AZ Journal vom 1. März 1975: "Der Krüppel ohne Arme und Beine wurde einer der großen Persönlichkeiten des historischen Praters, ein Weltmann und Geldmann, der unbefangen seinen Platz in der Gesellschaft behauptete." Die Wilferts, Schaafs und Kobelkoffs – mittlerweile eng zusammengeschweißt, verwandt und verschwägert – wurden zu den drei führenden Praterdynastien, die aus aller Welt zusammengewürfelt waren und internationales Format in den ohnehin mischkulturellen Tegel Wien brachten.

1912 verstarb Nikolai Kobelkoffs Gattin Anna an einem epileptischen Anfall in Paris, was ihn in tiefste Trauer riss: "Sie war das beste, das edelste Wesen, das je gelebt hat, ein Engel der in mein Leben trat um mir das höchste Glück zu schenken. Keine Frau konnte gütiger und treuer sein als sie." Er zog sich daraufhin in sein Haus hinter dem Toboggan zurück, zeigte sich nicht mehr öffentlich und managte seine Unternehmen aus dem Hintergrund.
Nikoali Kobelkoff starb am 19. Juni 1933 im Alter von 82 Jahren. Er wurde in einem Kindersarg auf den Wiener Zentralfriedhof hinausgetragen und erhielt ein ehrenhaftes Begräbnis. Nikolaj Pasara nickt: "Ein Ort, der noch Material über ihn haben könnte, ist der Wiener Narrenturm im Alten AKH. Sie haben ihn dort immer wieder zu Untersuchungen eingeladen, weil sie es nicht glauben konnten, wie aktiv und agil er war. Für die war er immer ein großes Rätsel, das sie bis zum Schluss nicht für sich klären konnten." Einer der dortigen Atteste lautet: "Ich bestätige, daß N.W. Kobelkoff aus Wossnessensk so geboren wurde, und daß ihm seine Gliedmaßen nicht amputiert wurden. Er stellt eines der interessantesten Phänomene dar, im Bereich der Anatomie, Logik und Ethik." – signiert mit "Wiener Klinik, 18. Juni 1875, Berater des Hofes, Professor Theodor Billroth". Nikolaj Pasara verlässt das Museum und geht zurück zu seinem Schießstand in den Prater, wo einst sein Ururgroßvater eine Dynastie begründet hat, die bis heute wächst: "Ich glaube, dass Nikolai Kobelkoff nach wie vor sehr hoch geschätzt wird: als Artist, als Unternehmer, und auch als Mensch."

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Dokument erstellt am 2016-06-09 15:25:19
Letzte ńnderung am 2016-06-09 15:28:41




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