• vom 11.09.2016, 08:00 Uhr

Stadtleben

Update: 04.10.2016, 12:54 Uhr

Teheran

Irans Nerds




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Im Herzen
der Klon-Industrie

Denn so lautet das aktuelle Erfolgsrezept der iranischen Start-up-Evangelisten: Kopiere, was im Westen funktioniert. Wer einen genauen Blick in die Szene wirft, wird feststellen, dass die meisten iranischen Start-ups an Imitationen bestehender Dienste und Produkte arbeiten. So zählen zu den iranischen Erfolgsgeschichten Unternehmen wie "Digikala", das iranische Amazon, "Café Bazar", Irans Antwort auf den Google-App-Store, oder "aparat", das iranische YouTube. "Das ist okay. Wenn man keinen Zugang zu Amazon hat, dann ist es offensichtlich, dass man so einen Service haben sollte. Wir haben viele Klons", erklärt Ghanemzadeh. Die "Klone", wie er sie nennt, sind das Ergebnis von Zensur und Sanktionen. Sie sind die klassische Antwort einer Generation, die nichts anderes kennt als einen Iran nach der Islamischen Revolution von 1979.

70 Prozent der iranischen Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt. Sie kennen nur die Islamische Republik, ihre Gesetze, ihre Restriktionen, ihre "Neins" auf alles, was aus dem Westen kommt. Und sie haben nichts anderes gelernt, als diese Verbote zu umgehen. In Ghanemzadehs Branche bedeutet das fürs Erste: das Bestehende für die iranische Wirklichkeit anzupassen.

Fred Korangy denkt einen Schritt weiter. Er denkt an die Zeit, wenn das Ende der Sanktionen auch in der Praxis spürbar ist. Offiziell wurden sie im Jänner 2016 aufgehoben. Euphorisch wurde der Atomdeal gefeiert. Doch der große Wirtschaftsaufschwung blieb bisher aus. Noch scheuen sich ausländische Investoren und Banken ihr Kapital ins Land fließen zu lassen. Doch ist es für Korangy nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten internationalen Konzerne auf dem unberührten Absatzmarkt Irans breitmachen. Und wenn das passiert, können Irans Klonprodukte einpacken, prognostiziert Fred Korangy: "Solange Amazon im Iran nicht Fuß gefasst hat, funktioniert die Klon-Strategie. Aber sobald sich der iranische Markt öffnet, werden die Klone nicht länger als ein Jahr überleben. Sie werden untergehen."

Der Mittfünfziger zählt zu den Schwergewichten in Irans Start-up-Szene und repräsentiert einen neuen Schlag von Unternehmer: den Rückkehrer. 40 Jahre lang hat Korangy in Amerika gelebt, dort mehrere Firmen gegründet, Start-ups finanziert und Millionen verdient. Vor vier Jahren ist er in den Iran zurückgekehrt. Seine Mutter war verstorben. Er beschloss, im Iran zu bleiben und gemeinsam mit vier anderen amerikanischen Rückkehrern den Accelerator "Maps" zu gründen. Zwölf iranische Start-ups hat das Investorenteam bereits unter seine Fittiche genommen. "Es geht uns darum, ihnen Fähigkeiten zu vermitteln, sodass sie international wettbewerbsfähig sind", erklärt Korangy. Er sitzt in seinem Büro nahe der U-Bahnstation Tajrish, im Norden der Stadt, unmittelbar am Fuße des Alborz-Gebirges, wo sich die Jungen und Reichen Teherans tummeln, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier coacht Korangy die nächste Generation von Entrepreneuren. Er will ein "Ecosystem" aufbauen, das international mithalten kann. Und er will der iranischen Jugend vermitteln, dass sie ihre Ideen nicht im Ausland verwirklichen muss, sondern genauso gut von hier aus, die Welt erobern kann.

Für die Hardliner sind sie Agenten des Westens
Hediye Delkhosh Foumandi zählt zu Korangys Schützlingen. Seine Vision hat die 25-jährige Softwareentwicklerin verinnerlicht. Seinen Sprech auch. Sie betont, wie wichtig es ist, innovativ zu bleiben, sich weiterzuentwickeln und zu lernen. Man müsse sich von der Konkurrenz unterscheiden, um auf den Tag X vorbereitet zu sein. Dann wenn die Ausländer kommen und an Irans Türen klopfen, muss sie ihnen die Stirn bieten können. Vor knapp zwei Jahren hat die junge Frau gemeinsam mit zwei Kollegen die Crowdfunding-Plattform "Hamijoo" ins Leben gerufen. Ihr Fokus: künstlerische Projekte. Zahlreiche Dokumentarfilme, Animationen, Kurzfilme, Fotoausstellungen und Theaterstücke konnten durch die Plattform finanziert werden.

Delkhosh Foumandi zählt zu den wenigen Gründerinnen in der Branche. Auf den unteren Etagen beginnen sich ihre Geschlechtsgenossinnen stetig vorzutasten, doch unter den Alphatieren ist ihre Zahl überschaubar. Delkhosh Foumandi will das ändern. Gemeinsam mit Kolleginnen will sie Events organisieren, um mehr Frauen in die Start-up-Selbständigkeit zu locken. Sie weiß um ihre Sorgen und die gesellschaftlichen Tabus. Oft hat sie beobachtet, wie Kolleginnen bemüßigt waren, sich vor Familie und Freunde für die langen Bürozeiten zu rechtfertigen, und wie sie erklären mussten, dass tatsächlich bis spät in die Nacht gearbeitet wird und nichts Anrüchiges passiert, nur weil Männer und Frauen am selben Tisch zusammenarbeiten.

Doch die gesellschaftlichen Tabus sind nicht die einzigen Stolpersteine in der Branche. Während die reformorientierten Kräfte der Rohani-Administration den Nerds positiv gesinnt sind, sie gar als neue Heilsbringer der iranischen Wirtschaft feiern, werden sie von den Hardlinern des Regimes verteufelt. "Keyhan", das iranische Hardliner-Kampfblatt, dessen Chefredakteur von Religionsführer Ayatollah Ali Khamenei - der höchsten politischen wie religiösen Instanz im Staat - persönlich bestimmt wird, bezeichnete die Neo-Unternehmer als westliche Agenten. Ihr einziges Ziel sei es, die Islamische Republik zu unterwandern. Verdächtig sind sie ihnen, die jungen Männer und Frauen, in ihrer neuen Sprache, wie sie durch die Welt jetten und internationale Konferenzen besuchen, in der Hoffnung neue Ideen auf iranischem Boden verwirklichen können.

In der Start-up-Szene weiß man um das Misstrauen. Man weiß wie schmal der Grat sein kann zwischen Euphorie und Gefängnis. Penibel wird auf jede Vorschrift, jedes Tabu und jede potenzielle Ungereimtheit geachtet. Zu viel steht auf dem Spiel. Das weiß auch Crowdfunding-Gründerin Hediye Delkhosh Foumandi: "Wir beurteilen die Qualität der Arbeit nicht, die auf unserer Plattform eingereicht wird. Die Bewerber müssen sich nur an die Gesetze der Islamischen Republik halten", erklärt Delkhosh Foumandi streng. "Die Leute, die bei uns Projekte einreichen, wissen, was geht und was nicht. Sie wissen einfach, dass wir bestimmte Fotos auf unserer Seite nicht zeigen können und dass sie sich an
gewisse rote Linien halten müssen."

Jeder Iraner hat diese rote Linie verinnerlicht. Und jeder weiß, dass sie jederzeit neu gezogen werden kann. Und der Balanceakt von vorne beginnt. Auch für Irans Steve Jobs von morgen.

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Dokument erstellt am 2016-09-09 16:05:15
Letzte ─nderung am 2016-10-04 12:54:25




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