• vom 22.09.2016, 11:48 Uhr

Stadtleben

Update: 22.09.2016, 15:29 Uhr

Gerichtsreportage

Die zwei Seiten des Herrn B.




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Von Daniel Bischof

  • Psychisch Kranker soll Opfer jahrelang gestalkt und terrorisiert haben. Nun wurde er in Anstalt eingewiesen. Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig.

Wien. Herr B. ist ein kluger Mann. Der vierfache Akademiker spricht sehr gewählt, über rechtliche und technische Fragen ist er gut informiert. "Er ist überdurchschnittlich intelligent", bestätigt der psychiatrische Sachverständige Karl Dantendorfer.

Doch B. soll auch eine zweite Seite haben - eine krankhafte. Bereits im April 2016 stand der 52-jährige vor Gericht, weil er eine Buchhändlerin gestalkt und terrorisiert haben soll. Da er sich während dieses Prozesses seltsam verhielt und möglicherweise als unzurechnungsfähig einzustufen war, erklärte sich die Einzelrichterin für unzuständig.

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Am Mittwoch musste nun ein Schöffensenat des Straflandesgerichts Wien (Vorsitz: Martina Hahn) entscheiden, ob B. in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher einzuweisen ist.

"Viel zu nahe gekommen"
Als B. vor gut zweieinhalb Jahren in das Geschäft gekommen sei, habe sie sich zunächst gedacht: "Das ist ein schräger Typ", erzählt die Buchhändlerin - eine junge Frau - vor Gericht. Ein Buch habe B. bestellen wollen, dabei sei er ihr "viel zu nahe gekommen." Gleich am nächsten Tag habe er ihr Blumen gebracht und anzügliche Bemerkungen gemacht.

Ständig und über zwei Jahre lang sei er im Buchgeschäft gegen ihren Willen mit Geschenken erschienen und habe sie belästigt. B. habe sogar angegeben, dass sie seine Verlobte sei. Einen der Eingänge des Buchladens soll er einmal mit einem Holzstück verbarrikadiert haben, um sie einzusperren. Einstweilige Verfügungen, nach denen er sich der Buchhandlung nicht nähern dürfte, ignorierte er schlicht.

Aufgrund der Handlungen von B. leidet die junge Frau laut psychiatrischem Gutachter Wolfgang Soukop an "seelischen Störungen". Sie wird medikamentös behandelt und therapiert. Die seelische Störung dauert laut Soukop länger als 24 Tage an und ist damit als schwere Körperverletzung zu qualifizieren. Wegen des Stalkings-Tatbestandes alleine könnte B. wegen des niedrigen Strafrahmens nicht eingewiesen werden - erst der höhere Strafrahmen der schweren Körperverletzung macht dies möglich.

Erst als sie begonnen habe, B. zu ignorieren, habe sich die Situation gebessert, sagt die Zeugin. Nach wie vor aber schleiche B. um die Buchhandlung herum und schaue in das Geschäft hinein. Auch Herzpickerl bringe er an der Scheibe an.

Zu ihrem Schutz rief die Zeugin mehrfach am Tag die Polizei. Bei einem dieser Einsätze wehrte sich B., als ihn die Beamten zum Stehenbleiben aufforderten. "Das ist die Mafia!", soll er gerufen haben. Mit einem Trolley soll er um sich geschlagen und dabei eine Polizistin leicht verletzt haben. B. bestreitet alle Vorwürfe. Ein "anonymer Bauarbeiter" habe damals den Eingang verbarrikadiert.

"Er ist krank und verrückt", sagt Dantendorfer über den Betroffenen. Für seine Krankheit - höchstwahrscheinlich seien es wahnhafte Störungen - könne B. nichts: "Er nimmt die Realität ganz anders wahr, als sie wirklich ist." B. glaube, dass er eine spezielle Beziehung zu der Frau habe. Zudem sei B. total krankheitsuneinsichtig, so Dantendorfer.

Der Senat verfügt die Einweisung des B. in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Er habe unter dem Einfluss von "wahnhaften Störungen" gehandelt und es bestehe die Gefahr, dass er weiterhin strafbare Handlungen mit schweren Folgen begehe, führt Richterin Hahn aus. Noch im Gerichtssaal wird B. wegen Tatbegehungsgefahr vorläufig angehalten. Da der Verteidiger Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung gegen das Urteil erhebt, ist es noch nicht rechtskräftig.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-22 11:53:03
Letzte ─nderung am 2016-09-22 15:29:03





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