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Update: 23.09.2016, 11:20 Uhr

Psychotherapie

"Heute ist der Arzt ein Dienstleister"




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Von Arian Faal

  • Der Doyen der Hypnose, Heinrich Wallnöfer, über die "Hallo-Mentalität" der jungen Generation und die Entwicklung der Psychotherapie.

"Die Modediagnose Burnout ist nichts anderes als eine klassische Depression", sagt Psychotherapeut Heinrich Wallnöfer. - © Stanislav Jenis

"Die Modediagnose Burnout ist nichts anderes als eine klassische Depression", sagt Psychotherapeut Heinrich Wallnöfer. © Stanislav Jenis

Wien. Er ist mit 96 wohl der älteste noch aktive Mediziner und Psychotherapeut Wiens, hat das Autogene Training und die Hypnose 1960 nach Österreich gebracht und kannte Helmut Zilk, Franz Jonas und Julius Raab sehr gut: Heinrich Wallnöfer ist schon zu Lebzeiten eine Institution und sieht sich der "alten Schule" angehörig. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" erzählt er über den Wandel der Zeit, die nicht ganz optimalen Veränderungen im Arztberuf bei der Behandlung von Depressionen und Neurosen und über die junge Generation, der er eine "Hallo-Mentalität" attestiert.

"Wiener Zeitung": Sie sind seit 1948 Arzt und Psychotherapeut, könnten aber seit 30 Jahren in Pension sein. Was motiviert Sie, mit 96 noch immer so viel zu arbeiten?

Heinrich Wallnöfer: Ich bin der Meinung, dass Arbeit nicht krank macht, sondern gesund hält. Ich mache das sehr gerne und daher werde ich, solange es geht, weiter ordinieren.

Es gibt die einen, die mit 90 sagen, ich habe in den nächsten 20 Jahren noch viel vor, und die anderen, die nur noch vom Tod und vom Ende reden. Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Es mag diese Menschen geben. Ich habe ein erfülltes Leben gehabt und bin zufrieden. Ich habe keine großen Zukunftspläne, aber ich lebe gern.

Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Ihrem Beruf verändert?

Früher war der Arzt eine honorige Persönlichkeit mit Dienststunden und der Bereitschaft, nicht immer auf die Zeit zu schauen, sondern sich individuell auf den Patienten einzustellen. Außerdem war es möglich, auch honorarfrei zu behandeln und sich Honorare bei jenen einzuholen, die es auch hatten. Das ist nun alles nicht mehr möglich. Heute ist der Arzt ein Dienstleister. Die Menschen haben sich auch verändert.

Was ist denn heute anders als früher?

Heute sagt die Jugend "Hallo" statt "Grüß Gott" und dementsprechend haben wir auch eine "Hallo-Mentalität". In der Therapie gibt es eine missverständliche Auslegung der amerikanischen Verfassung. Dort steht, dass der Mensch ein Recht auf Glück hat. Das ist ein Blödsinn, weil damit gemeint ist, dass er das Recht hat, nach Glück zu streben. Überhaupt ist der Gedanke "Was könnte ich für den anderen tun" heutzutage zurückgedrängt worden. In unserer jetzigen Zeit wird dies alles leider sehr oft durch egozentrisches und egoistisches Gedankengut ersetzt.

Und bei den Behandlungsmethoden tut sich ja auch einiges, oder?

Das Gesetz sagt nun, dass der Psychotherapeuten das tun muss, was der Patient sagt. Der Patient ist der Auftraggeber, der Therapeut der Ausführer. Früher konnte ich da eigenständiger entscheiden. Die Behandlungsmethoden sind heutzutage in der Therapie ganz anders als früher. Zur Zeit der Psychoanalyse Freuds kamen Sie vier bis fünf Mal in der Woche auf die Couch. Jetzt findet die Behandlung sitzend statt und wurde auf zwei bis drei Termine reduziert. Außerdem gilt es heute schon als "Verbrechen", wenn ich jemanden öfter als 16 oder 17 Mal behandle. Ich hingegen hatte früher Patienten mit Zwangsneurosen, die ich mehr als 30 Jahre lang behandelt habe. Das wird heute strikt abgelehnt. Zudem haben sich die Ziele verändert.

Inwiefern?

Nach Freud sollte man die Persönlichkeit im Menschen herausarbeiten. Heute soll man lediglich die Persönlichkeitsstruktur in Ordnung bringen. Wir sind bei den Normmenschen.

Und der technische Fortschritt, ist es nicht schwer für Sie, mit den laufend neuen Computerprogrammen mitzuhalten?

Ich bin mit diesen Dingen mitgegangen und habe sie von Grund auf gelernt. Ohne den Computer könnte ich heute gar nicht mehr arbeiten. Ich habe seine Entwicklung von der Geburtsstunde bis heute mitgemacht. Daher bin ich es gewohnt, auf dem Laufenden zu sein.

Apropos Internet: Die junge Generation verbringt einen nicht unbeträchtlichen Zeitrahmen online. Wie sehen Sie das?

Das ist ein ernstes Problem und die Internetsucht wird uns Mediziner in Zukunft noch anständig beschäftigen.

Oftmals werden 2016 Ärzte ja auch nach Bewertungen im Internet selektiert . . .

Ja, und das ist mehr oder weniger eine Katastrophe. Denn üblicherweise bewertet man nur etwas, wenn es schlecht ist und man etwas auszusetzen hat. Bei meinen Patienten spielt die Internetbewertung aber ohnehin keine Rolle, denn sie kommen meistens aufgrund der Mund-zu-Mund-Propaganda.

Vergangenes Jahr ist Ihre Gattin gestorben, die ebenfalls in diesen Räumlichkeiten ordiniert hat. War es ein Problem, dass Sie beide im selben Beruf tätig waren?

Im Gegenteil. Es war ausgezeichnet und ohne meine Frau hätte ich das alles nie geschafft.

Sie sehen viel jünger aus, als Sie tatsächlich sind. Wie halten Sie sich fit?

Ich esse eine gutbürgerliche Kost, mache aber keinen regelmäßigen Sport. Ab und zu gehe ich Nordic Walken. Außerdem mache ich nach wie vor meine Gymnastikübungen.

Wie viele Patienten haben Sie noch täglich?

In den vergangenen Monaten habe ich wieder mehr Patienten gehabt. Zwischen fünf und sieben, aber mittwochs ordiniere ich nicht mehr. Da habe ich frei.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-22 15:17:07
Letzte ńnderung am 2016-09-23 11:20:34





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