• vom 23.09.2016, 18:20 Uhr

Stadtleben

Update: 23.09.2016, 22:19 Uhr

Wienwoche

"Meine Utopie ist Farbenblindheit"




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Von Valentine Auer

  • Chilo Eribenne erzählt in ihrem afro-futuristischen Stück im Rahmen der Wienwoche von Rassismus in Wien.

"Es scheint , als wäre Anstarren ein österreichischer Nationalsport" , sagt Eribenne. - © Benjamin Storck

"Es scheint , als wäre Anstarren ein österreichischer Nationalsport" , sagt Eribenne. © Benjamin Storck

Wien. Sogar der Weltuntergang scheint in Wien erst mit 20-jähriger Verspätung zu kommen. Zumindest, wenn es nach der Londoner Künstlerin, Regisseurin und DJane Chilo Eribenne geht. Ihren ersten Eindruck von Wien fasst sie mit dem Wort "old-fashioned" zusammen. Das beschreibe auch den Rassismus, mit dem sie 1999 konfrontiert in Wien konfrontiert war. Dementsprechend passend - wenn auch lang - ist der Titel ihres neuen Theaterstücks - frei nach Gustav Mahler - "When The World Comes To An End, Move To Vienna... - Because Everything Happens There 20 Years Later!" Die Hauptfigur, DJane Eunikoro Rhensara, will mittels Zeitmaschine vom London des Jahres 1999 in das Jahr 1974 reisen. Dass sie stattdessen in Wien landete und sich am Jahr nichts änderte, merkt sie erst nach und nach.

"Wiener Zeitung": Ihr Theaterstück hat den kurzen Titel "When The World Comes To An End, Move To Vienna...- Because Everything Happens There 20 Years Later". In welchen Punkten hinkt Wien denn hinterher?

Chilo Eribenne: Als ich 1999 nach Wien kam, dachte ich, dass ich aus einer Zeitmaschine gestiegen und im Jahr 1974 gelandet bin. Wien war damals wirklich antiquiert, teilweise auf eine nette Art. Es war nicht so neoliberal wie heute, sondern entspannter. Die Kultur, die Geschäfte, alles war so altmodisch.

In ihrem Theaterstück sprechen Sie auch Rassismus an...

Ja, für mich ist es interessant, dieses Stück jetzt aufzuführen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich das nicht gemacht. Derzeit mache ich meinen Doktor auf der Akademie der Bildenden Künste in Wien, wo viel über Postkolonialismus gesprochen wird. Erst diese Erfahrung gab mir den Mut, das Stück zu schreiben. Es geht darum zu reflektieren, wie Österreicher sich selbst sehen. Es gibt so viele Dinge, die Menschen vielleicht ganz unschuldig sagen, die aber ziemlich verletzend sind. Sie denken oft, sie seien freundlich, dabei sind sie rassistisch.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Was immer wieder passiert: Menschen, die dich gar nicht oder nicht gut kennen, gehen direkt auf dich zu und beginnen dich über deine Kultur auszufragen, wollen wissen, woher du kommst. Wenn ich antworte: Aus dem Vereinigten Königreich, fragen sie nach meinen Wurzeln. Es gibt kein "Hallo" mehr, kein "Wie geht es dir?". Stattdessen stehen sofort die Fragen "Wer bist du und wieso schaust du so aus?" im Mittelpunkt. Das habe ich so nicht erlebt, bevor ich hergekommen bin.

Hatte dieser Umzug von London nach Wien, die verstärkte Konfrontation mit Rassismus, Einfluss auf Ihre Selbstwahrnehmung, auf Ihre eigene Identität?

Ja. Ich wurde in London geboren und wusste auch dort lange Zeit nicht, was ich sagen soll, wenn mich jemand fragt, woher ich bin. Ich weiß, wo meine Wurzeln liegen, aber ich habe nie dort gelebt. Irgendwann beschloss ich daher für mich, dass ich aus London komme und britisch bin. Plötzlich bin ich in Wien und höre von den Leuten hier: "Nein, du kannst nicht aus London sein. Woher bist du wirklich?" Dazu kommt, dass 1999 generell ein schwieriges Jahr für Österreich war. Die FPÖ kam in die Regierung. Marcus Omofuma wurde umgebracht. Im Stück gibt es Original-Videoaufnahmen, die zeigen, was 1999 sozial und politisch passierte. Diese Highlights zu sehen ist sehr interessant. Auch im Vergleich zu heute: Österreich bekam damals Sanktionen aufgrund der FPÖ-Regierungsbeteiligung auferlegt. Das würde heute nicht mehr passieren. Im Moment heißt es "Rechte Politik - so what?".

Und wie erleben Sie persönlich die derzeitige Stimmung in Wien im Vergleich zu früher?

Als ich nach Wien kam, haben mich die Leute andauernd angestarrt. Mittlerweile hat sich das entspannt. Aber es gibt sie immer noch, die starrenden Menschen. Es scheint, als wäre Anstarren ein österreichischer Nationalsport. Als ich einmal mit einer Freundin zum Schneeberg gefahren bin, sah uns ein altes Pärchen. Aus Schock, uns zu sehen, sind sie hingefallen. Das war nur ein paar Kilometer von Wien entfernt. Mittlerweile leben mehr unterschiedliche Menschen in Wien, dadurch wird es leichter. Gleichzeitig kann ich verstehen, dass es sehr überwältigend und beängstigend ist, wenn jeden Tag so viele neue Menschen in die Stadt kommen. Aber wir sind verpflichtet, ein politisches und gesellschaftliches Bewusstsein zu entwickeln. Wenn man Bilder aus Syrien sieht, kann und will man sich gar nicht vorstellen, wie es ist, das alles zu erleben. Was sollen diese Menschen machen? Sie werden sich kaum denken: "Oh, in Europa will uns niemand haben, dann warten wir halt in der Heimat auf die nächste Bombe und sterben."

Wie würde für Sie ein besseres, ein utopisches Wien ausschauen?

Mein utopisches Wien, oder eigentlich meine utopische Welt ist eine, in der Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe beurteilt werden. Meine Utopie ist Farbenblindheit. Und es braucht eine bewusste Neubewertung von dem, was Gleichberechtigung eigentlich heißt. Denn Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass alle gleichartig sind. Dann wäre die Welt schon um einiges gesünder, als sie es jetzt ist.

Zur Person

Chilo Eribenne

wurde in London geboren. Seit 1999 lebt sie in Wien, wo sie ihr Diplom an der Akademie der Bildenden Künste erhielt. Derzeit ist sie Doktorandin und arbeitet als DJane, Kuratorin, Performerin, Autorin, Filmemacherin und Regisseurin. Sie kuratierte die Ausstellung "The Revolution Will Be Televised (And Broadcast on the Internet)".





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Dokument erstellt am 2016-09-23 15:59:05
Letzte ńnderung am 2016-09-23 22:19:37




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