• vom 03.10.2016, 17:06 Uhr

Stadtleben

Update: 07.10.2016, 12:38 Uhr

Jubiläum

Endspurt im Kaiserjahr




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Von Arian Faal

  • Reger Ansturm auf die Sonderausstellungen anlässlich des 100. Todesjahres von Kaiser Franz Joseph. Ein Lokalaugenschein.



Wien. Wie war Kaiser Franz Joseph privat? Wem konnte er seine Sorgen anvertrauen und warum ist das Interesse an dem vorletzten Habsburger-Kaiser auch hundert Jahre nach seinem Tod ungebrochen? Diese und andere Fragen werden zum Beispiel bei der Sonderausstellung an vier Standorten in Wien und Niederösterreich durchaus kritisch beantwortet (die "Wiener Zeitung" berichtete). Neben dem Blick auf Franz Josephs Rolle als Herrscher und Repräsentant in Ausstellungen im Schloss Schönbrunn und in der Kaiserlichen Wagenburg bietet sich auch Gelegenheit, bisher eher unbekannte Seiten des Kaisers kennenzulernen.

Das Hofmobiliendepot (das Möbel Museum Wien) widmet sich dem Gegensatz zwischen Franz Josephs bescheidenen persönlichen Wohnansprüchen und dem ihm auferlegten prunkvollen Lebensstil. Das Schloss Niederweiden im Marchfeld zeigt den Privatmensch Franz Joseph mit großer Liebe zum Reiten und zur Jagd. Die Ausstellung läuft noch bis zum 27. November.

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"Eine Reise durch
ein Stück Monarchie"

Beim Lokalaugenschein fällt auf, dass alle Altersklassen unter den Besuchern vertreten sind. "Es ist wie ein Märchen, etwas Faszinierendes, eine Reise durch ein Stück Monarchie und der guten alten Zeit", schwärmt etwa eine deutsche Touristin, die sich im Vorfeld bereits über die Lektüre von drei Biografien über den Kaiser ein Vorwissen angeeignet hat. "Franz Joseph I., eigentlich Erzherzog Franz Joseph Karl von Österreich, wurde am 18. August 1830 hier im Schönbrunn geboren und starb auch hier am 21. November 1916 im Alter von 86 Jahren. Mehr dürfen Sie mich aber nicht fragen", sagt sie mit einem Lächeln. "Es ist mir ein bisschen zu touristisch und zu wenig hintergründig, aber dennoch interessant", entgegnet ein anderer, etwas kritischerer Besucher.

Aufgrund seiner langen Regierungszeit (1848 bis 1916) prägte Kaiser Franz Joseph eine ganze Epoche.

Aufgrund seiner langen Regierungszeit (1848 bis 1916) prägte Kaiser Franz Joseph eine ganze Epoche.© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H./Edgar Knaack Aufgrund seiner langen Regierungszeit (1848 bis 1916) prägte Kaiser Franz Joseph eine ganze Epoche.© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H./Edgar Knaack

Die Sonderausstellung gliedert das Leben des Monarchen in mehrere Abschnitte und beleuchtet private und persönliche Aspekte ebenso wie politische Herausforderungen wie den Ausgleich mit Ungarn oder die Ereignisse vor dem Ersten Weltkrieg. Im Fokus steht der Halt, den Franz Joseph der Epoche als Oberhaupt der Familie Habsburg-Lothringen und zeitweise auch König von Ungarn gegeben hat. Mit einer Regierungszeit von nahezu 68 Jahren übertraf er jeden anderen Habsburger. Mit der frühen Thronbesteigung nach der Abdankung seines geistig labilen Onkels Ferdinand I. (im Volksmund auch "der Gütige" genannt) musste Franz Joseph 1848 nach den revolutionären Erhebungen eine schwierige Nachfolge antreten, nachdem sein Vater verzichtet hatte.

Er hob die Verfassungszugeständnisse auf und regierte ab 1851 absolutistisch und zentralistisch. Militärische Niederlagen im Sardinischen Krieg (1859) und im Deutschen Krieg (1866) zwangen ihn zur Verständigung mit den Ungarn und zur Umwandlung des einheitlichen Kaisertums Österreich in zwei konstitutionelle Monarchien. Der Ausgleich von 1867 schuf die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn als Realunion zweier Staaten. Außenpolitisch wuchs unter seiner 68-jährigen Regentschaft der Gegensatz zu Russland in der Balkanfrage, während er sich immer enger an das Deutsche Kaiserreich anlehnte und den Zweibund schuf.

Vom Ausgleich bis zum
Beginn des Ersten Weltkrieges

Angesprochen wird auch die Problematik, das große Vielvölkerreich zusammenzuhalten. Da Franz Joseph I. ein strikter Gegner von inner-österreichischen (Cisleithanien) föderalistischen Reformen war und auch in Transleithanien (ungarische Reichshälfte) sich die magyarischen Eliten gegen Reformen sträubten, blieb der sich stetig vergrößernde Nationalitätenkonflikt die zentrale Problematik des Vielvölkerstaats. Die anhaltenden Spannungen auf dem Balkan und die starke Überschätzung von Österreich-Ungarns militärischen Möglichkeiten mündeten 1914 in Franz Josephs Kriegserklärung an Serbien, der aufgrund der Bündnisautomatik der Erste Weltkrieg folgte. Der Tod des Monarchen markiert das beginnende Ende einer Ära. Zwei Jahre nach seinem Tod am 21. November 1916 zerfällt die Monarchie nach der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Die österreichisch-ungarische Monarchie ist mit Ausrufung der Republik Geschichte. Was jedoch bleibt, ist die sprichwörtliche "franzisko-josephinische Administration" und ein Kult um den alten Kaiser, der bis heute anhält.

Wie beliebt der Kaiser ist, zeigt sich auch anhand der Besucherzahlen. "Rund 190.000 Besucher an allen Standorten haben die Sonderausstellung bis dato besucht. Besonders erfreulich ist das große Interesse an Schloss Niederweiden mit rund 30.000 Gästen, das wir heuer erstmals wieder als Ausstellungstandort bespielen", erklärt Günther Mayerl, der Marketing-Leiter der Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. (SKB) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Besonders geschätzt werde der Umstand, dass die historischen Originalschauplätze gezeigt würden und dank der vier Standorte ein Thema in all seinen Facetten dargestellt werden könne.

Da das Konzept gut funktioniere, wolle man 2017 in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum bei der nächsten Sonderausstellung anlässlich des 300. Geburtstages von Kaiserin Maria Theresia wieder viele Besucher anlocken. "Wir gehen davon aus, dass das internationale Interesse an Maria Theresia noch größer ist als jenes an Franz Joseph", so Mayerl.

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Schlagwörter

Jubiläum, Franz Josef, Monarchie, Wien

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-03 17:11:08
Letzte Änderung am 2016-10-07 12:38:09




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