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Stadtleben

Update: 18.10.2016, 17:10 Uhr

Theater

Abgründe der Gesellschaft




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Von Valentine Auer

  • Lebenswerteste Stadt versus Obdachlosigkeit, Kriminalität, Drogen- und Spielsucht.

Die Theaterproduktion "Nachrichten aus dem Schleudersitz" setzt sich mit "Abgründen der Gesellschaft" auseinander. Das Team interviewte dafür u.a. Wohnungslose und Spielsüchtige.

Die Theaterproduktion "Nachrichten aus dem Schleudersitz" setzt sich mit "Abgründen der Gesellschaft" auseinander. Das Team interviewte dafür u.a. Wohnungslose und Spielsüchtige.© Benjamin Storck Die Theaterproduktion "Nachrichten aus dem Schleudersitz" setzt sich mit "Abgründen der Gesellschaft" auseinander. Das Team interviewte dafür u.a. Wohnungslose und Spielsüchtige.© Benjamin Storck

Wien. Auch 2016 wurde Wien zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. Bereits zum siebten Mal. Eine Stadt in der sich unterschiedliche Biographien versammeln: Wohnungslosigkeit, Spielsucht, Sexarbeiterinnen, sexualisierte Gewalterfahrungen, ehemalige Gefängnisinsassen, Alkoholismus. Themen und Menschen, die zu Wien gehören. Zur lebenswertesten Stadt der Welt. Ihre ungeschönten und unzensurierten Biographien bringt der Regisseur Josef Maria Krasanovsky mit der Produktion "Nachrichten aus dem Schleudersitz" auf die Bühne des Wiener Kosmos Theaters. Eine Auseinandersetzung mit den "Abgründen unserer Gesellschaft" wie es in der Ankündigung heißt.

Die "Abgründe Wiens" in Zahlen Biographien, die sich teilweise in Zahlen fassen lassen. Zum Beispiel Personen in der Bewährungshilfe: Allein im Jahr 2015 betreute der Verein Neustart im Rahmen der Bewährungshilfe 4047 Personen in Wien. Laut Neustart-Pressesprecher stieg die Zahl der Zugänge in der Bewährungshilfe im Vergleich zum Jahr zuvor. Während die Zugänge unter den jugendlichen Straffälligen leicht rückläufig ist, steigt sie bei den Erwachsenen.

Information

Nachrichten aus dem Schleudersitz: Premiere am 20.10. um 20 Uhr im Kosmos Theater. Siebensterngasse 42-44, 1070 Wien

Oder Wohnungslose in Wien: Der Fonds Soziales Wien (FSW) geht von rund 10.000 Personen aus, die im vergangenen Jahr Angebote der Wiener Wohnungslosenhilfe angenommen haben. Die Tendenz ist auch im Wohnungslosenbereich leicht steigend. Offizielle Statistiken darüber, wie hoch die Zahl der Wohnungslosen in Wien ist, gibt es laut FSW keine.

Noch schwieriger wird bei Zahlen im Bereich der Spielsucht. Eine Studie des "Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung" zufolge hatten 2015 in Wien 2,4 Prozent der repräsentativ Befragten ein riskantes Glücksspielverhalten. Bei jeweils weiteren 0,8 Prozent wurde ein problematisches oder pathologisches Suchtspielverhalten festgestellt. Die Zahlen blieben in den vergangenen Jahren stabil, sagt der Sprecher der Sucht- und Drogenkoordination Wien.

Die Zahlen spiegeln Menschen wider mit Biographien, die erzählt werden müssen. Und zwar ungefiltert. Ist sich zumindest der Regisseur Josef Maria Krasanovsky sicher. 2006 gründete er das Theaterkollektiv "Compagnie Luna" in Wien, das auch hinter der Produktion "Nachrichten aus dem Schleudersitz" steht.

Ungefilterte Abgründe

"Ich habe das Gefühl, dass alles was die Randbereiche der Gesellschaft betrifft, gefiltert wird - je nach Bedürfnissen der Institutionen", formuliert Krasanovsky die Ausgangslage des Projektes. Die "Abgründe unserer Gesellschaft" will Krasanovsky ohne jede Zensur zeigen. Eine Definition dieser Abgründe brauche es nicht. Vielmehr sei es ein Gefühl, das im Rahmen der sechswöchigen Recherche in Wien entstand, erklärt Krasanovsky weiter: "Ein Verständnis dafür zu entwickeln, was ein Abgrund bedeuten kann, haben uns unsere Interviewpartner und -partnerinnen beigebracht."

Etwa 30 Personen aus allen Ecken der Stadt interviewte das Team rund um das Theaterkollektiv. Die Transkripte bieten die Basis für die Charaktere der neuen Produktion. Entstanden sind dabei Figuren wie ein tschechischer Cowboy. Er hat nach einem Unfall sein Gedächtnis verloren, nun lebt er auf der Straße. Oder Franz, der innerhalb von zwei Nächten 400.000 Euro beim Pokerspiel verlor. Oder eine schwangere Wohnungslose, die jeden Tag von dem erbettelten Geld fünf Euro für das Baby zur Seite legt. Eine Figur, deren reale Vorlage ein junges wohnungsloses Paar ist. Sie erwarten ein Kind und denken an die Zukunft, sparen Geld für das Baby. "Das ist ein besonders schönes Beispiel. Trotz ihrer Situation sind sie stolz genug und glauben ans Leben. Sie bringen ein Kind auf die Welt und kümmern sich in ihrem Rahmen drum", so Krasanovsky.

Büchse der Pandora geöffnet

Dementsprechend sieht der Regisseur keine Gefahr die Grenze des Sozialpornos oder des Voyeurismus zu überschreiten: "Die Alternative ist, diese Geschichten aus Angst, dass man die Würde von jemanden verletzt, nicht zu erzählen, sich nicht damit auseinander zu setzen - was eh vorwiegend passiert. Für mich ist das ein völlig falsch verstandenes Schutzbedürfnis unserer Gesellschaft gegenüber Randthemen."

Es braucht also ein Darüber-Reden. Bestätigt wurde diese Annahme durch das vorhandene Mitteilungsbedürfnis der interviewten Menschen: Nicht nur, dass sich nach der Kontaktaufnahme mit verschiedenen Institutionen mehr Menschen gemeldet haben als erwartet. Es wurde im Rahmen der Gespräche auch die "Büchse der Pandora anständig geöffnet", so die Erfahrung von Krasanovsky.

Hinzu kommt, dass das Team rund um Krasanovsky neutrale Gesprächspartner darstellen. Zumindest im Vergleich zu jenen Personen, denen üblicherweise die unterschiedlichen Biographien erzählt werden: Therapeuten, Bewährungshelfer, Richter. "Es ist immer ein Gegenüber da, das eine Funktion hat", fasst der Regisseur zusammen.

Es könnte jeden treffen

So kommen Geschichten an die Oberfläche, die einem bewusst machen, dass alle auf einer Art Schleudersitz sitzen. Wurde manchen Menschen auf Grund der sozialen Herkunft ein Rucksack mitgegeben, der bereits eine gewisse Schleuderbahn vorzeichnet, sind es bei anderen Schleudersitz-Momente, die nur wenige Sekunden dauern und rasch das Leben verändern: Ein Stoß vor die U-Bahn. Gewöhnliche Beziehungsprobleme. Gefallene Multimillionäre. "All das war dabei", erinnert sich Krasanovsky an die Gespräche.

Warum werden in einer Stadt, die sich schon seit sieben Jahren mit dem Attribut der lebenswertesten Stadt der Welt schmückt, diese Biographien kaum wahrgenommen? In wie weit geht dieses Ausblenden der Randthemen mit der Angst der eigenen Instabilität einher? Mit diesen Fragen soll sich das Publikum auseinandersetzen.

Auch wenn Krasanovsky keinen Widerspruch darin sieht, dass Wien die lebenswerteste Stadt der Welt ist und sich gleichzeitig verschiedenste Abgründe darin finden lassen: Eines hat sich durch die Recherche in der lebenswertesten Stadt der Welt auf jeden Fall bestätigt. "Der Werbeslogan ‚Wien ist anders!‘ stimmt", schlussfolgert Krasanovsky.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-10-18 17:02:06
Letzte nderung am 2016-10-18 17:10:13




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