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Update: 08.11.2016, 16:04 Uhr

Notschlafstelle

Mehr als "Wärme für eine Nacht"




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Von Alexander Maurer

  • Seit genau zehn Jahren bietet die Notschlafstelle Vinzibett Wohnungslosen Sicherheit und ein soziales Umfeld.

Hedwig Klima leitet VinziBett seit 2008 ehrenamtlich. - © Philipp Hutter

Hedwig Klima leitet VinziBett seit 2008 ehrenamtlich. © Philipp Hutter

In Zwei- bis Fünfbettzimmern verbringen die Gäste von Vinzibett die kalten Winternächte.

In Zwei- bis Fünfbettzimmern verbringen die Gäste von Vinzibett die kalten Winternächte.© Philipp Hutter In Zwei- bis Fünfbettzimmern verbringen die Gäste von Vinzibett die kalten Winternächte.© Philipp Hutter

Wien. "Meinen Mann freut das zwar nicht so, aber der hat zuhause genug zu tun", erzählt Hedwig Klima und kann sich das Lachen nicht verkneifen. Die Pensionistin verbringt den Großteil ihrer Zeit in der Notschlafstelle Vinzibett in der Ottakringer Straße in Hernals, wo heute, Dienstag, anlässlich des zehnjährigen Jubiläums Tag der offenen Tür ist. Seit 2008 leitet sie das Haus ehrenamtlich.

Information

VinziBett Spendenkonto:
IBAN: AT78 2011 1285 4649 9300

Weitere Infos: www.vinzi.at/de/vinzibett-wien/

Die Notschlafstelle bietet unter dem Motto "Wärme für eine Nacht" seit nunmehr zehn Jahren insgesamt 47 Schlafgelegenheiten, Essen und Kleidung für wohnungslose Frauen und Männer an. Das Haus ist dauerausgelastet, vor allem kurz vorm Winter, wenn nachts das Quecksilber in den Minusbereich sinkt. "Es ist immer großer Andrang und trotz fünf Notbetten müssen wir immer wieder Leute wegschicken, weil zu wenig Platz ist. Wir können und wollen die Menschen auch nicht übereinanderstapeln", erklärt Klima. Seit die Stadt Wien 2010 mit dem Winterpaket für Wohnungslose zusätzliche Schlafplätze schafft, gehe der Andrang aber etwas zurück, betont sie.

Nach einer Nacht ist für die meisten Gäste von Vinzibett aber meist nicht Schluss. Viele bleiben länger, etwas mehr als die Hälfte über ein Jahr. Der längste Gast ist sogar der erste, die die Notschlafstelle in Anspruch genommen hat, ein mittlerweile 81-jähriger Argentinier. "Er hat über 20 Jahre in Wien bei seiner Lebensgefährtin gewohnt und spricht auch gut Deutsch. Aber als sie vor zehn Jahren starb, hatte er nichts mehr. Für ihn galt nicht mal das humanitäre Bleiberecht", erzählt Klima. Sie ist auch dagegen, Dauergäste, die sonst keine Möglichkeiten auf eine Unterkunft haben, bei großem Andrang aus dem Haus zu werfen. "Ich finde, dass es nichts bringt, den einen zugunsten des anderen auf die Straße zu setzen." Außerdem bräuchten gerade die Menschen, die zu Vinzibett kommen, mehr als eine Schlafstelle, ist Klima überzeugt. Das Haus bietet auch Unterstützung bei der Arbeitssuche oder vermittelt Hilfe bei Suchtkrankheiten, jedoch nur, wenn die Bewohner es wünschen. "Wir wollen helfen, aber zwingen niemand dazu, sich zu ändern", betont Hedwig Klima. Oft würden schon ein stabiler Tagesablauf und ein gesichertes Umfeld helfen. "Vier unserer Gäste haben hier von alleine zu trinken aufgehört", merkt Leiterin Klima an.

Kaum Wiener Gäste

Die Notschlafstelle beherbergt Menschen aus 18 verschiedenen Nationen. Zwei Drittel von ihnen stammen aus Österreich und der Europäischen Union. Wiener sind aber eine Seltenheit, merkt Hedwig Klima an. "Die Stadt Wien versorgt ihre Bürger sehr gut." Die Gäste von Vinzibett sind Menschen, die laut Wiener Sozialhilfegesetz nicht anspruchsberechtigt sind und so weder Geld- noch Sachleistungen erhalten. Trotzdem beschäftigt die Stadt einige von ihnen als Gelegenheitsarbeiter. Als Straßenkehrer für die MA48 arbeiten sie für angeblich fünf Euro pro Stunde und seien auch nur für die kurze Anstellungsdauer unfallversichert, erzählt Klima. "Natürlich hat das auch schon viel Kritik hervorgerufen. Ungeachtet dessen sind jene, die als Gelegenheitsarbeiter unterkommen zumindest froh, überhaupt Arbeit zu finden", betont Hedwig Klima jedoch. Im Büro der zuständigen Umweltstadträtin Ulli Sima war zu Redaktionsschluss niemand mehr für eine Stellungnahme erreichbar.

Das Heim ist vorrangig in Fünfbettzimmern organisiert, bietet Waschräume, eine Küche und Gemeinschaftsräume. Frauen haben ein eigenes Sechsbettzimmer mit separater Dusche, sie schlafen strikt getrennt von den Männern. "Das gilt auch für das Pärchen, das aktuell einen Platz bei uns hat", so Klima. Die beiden mussten unter anderem unter der Floridsdorfer Brücke schlafen, bevor sie zu Vinzibett kamen.

Vinzibett erhält keine öffentlichen Fördergelder. Das Haus lebt vor allem von Spenden, Benefizveranstaltungen, teilweise von den geringen Hausbeiträgen von einem bis drei Euro täglich, die die Bewohner je nach ihrer Einkommenssituation entrichten. Seit 2010 wird das Haus auch mit den Erlösen des Vinzishop schräg gegenüber, der Second-Hand-Kleidung verkauft, unterstützt. Zusätzlich engagieren sich neben 59 ehrenamtlichen Mitarbeitern auch die Hausbewohner. Ein ungarischer Gast beispielsweise ist der Koch der Notschlafstelle.

"Wie eine Familie"

Am Vormittag sind nur wenige Bewohner von Vinzibett anzutreffen. Eine Tagesaufenthaltserlaubnis bekommen nur ältere und kranke Menschen oder jene, die im Haus mithelfen. Silvia Müller wäscht gerade den Stiegenaufgang zum ersten Stock. Die 56-jährige Deutsche macht das dreimal wöchentlich. Vor sieben Monaten kam ihr Lebensgefährte, ein Wiener, mit dem Gesetz in Konflikt und sitzt seitdem laut Müller unschuldig in Haft. So wurde Vinzibett zu ihrer einzigen Anlaufstelle. "Ich hoffe, dass diesen Monat die Verhandlung beginnt und er dann freikommt, immerhin wollen wir endlich in eine eigene Wohnung zusammenziehen", erklärt sie hoffnungsvoll.

Auch Abdoulaye Fahrah hat Dienst. Seit über einem Jahr ist Vinzibett sein Zuhause. Der Somalier kam 2009 als Asylwerber nach Österreich. Seit ihm der Asylstatus aberkannt wurde und er nur einen Duldungsschein hat, schläft er in der Ottakringer Straße. "Frau Klima war da sehr cool und verständnisvoll", meint er. Fahrah putzt fast täglich die Küche, aus Dankbarkeit und um etwas zurückzugeben, wie er betont. "Wir sind wie eine Familie zusammengewachsen", spricht er mit einem Lächeln über die anderen Bewohner.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-08 15:35:08
Letzte nderung am 2016-11-08 16:04:12




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